Wie Verdauung funktioniert

Warum essen wir? Die Antwort auf diese Frage erhalten wir immer dann, wenn unser Magen knurrt und wir uns energie- und kraftlos fühlen. Indem wir essen, versorgen wir unseren Körper mit lebensnotwendigen Nährstoffen und Energie. Das klingt einfacher, als es tatsächlich ist: Der Weg vom ersten Bissen bis zum Ziehen der Toilettenspülung ist nämlich ganz schön lang: Genau genommen sind es acht Meter. Auf diese beachtliche Länge bringt es unser gesamter Verdauungstrakt, mit dessen Hilfe sich der Körper aus den Mahlzeiten alle wichtigen Nährstoffe holt. Damit ihm das gelingt, muss die Nahrung erst einmal in winzig kleine Moleküle aufgespalten werden. Aber machen wir einen Schritt nach dem anderen. Kredenzen wir einem „Testesser“ doch einfach ein leckeres belegtes Brot und schauen wir, was damit im Mund, in der Speiseröhre, im Magen und im Darm so alles passiert.

Wir achten natürlich auf gesunde Ernährung und servieren daher ein Vollkornbrot mit Edamerkäse, garniert mit einigen Blättern Salat und einer Tomatenscheibe. In diesem Snack sind ganz schön viele Nährstoffe enthalten: Eiweiß, Fett, Kohlenhydrate, Natrium, Kalium, Kalzium, Phosphor, Magnesium und Eisen. Und natürlich jede Menge Vitamine: Vitamin A, B1, B2, C, E und Niacin.

Station 1: der Mund

Herzhaftes Abbeißen, genüssliches, langsames Kauen. So ist es richtig! Wer gut kaut, nimmt seinem Verdauungssystem eine Menge Arbeit ab. Schließlich beginnt die Verdauung bereits im Mund: Das Zerkauen und Einspeicheln sorgt für eine erste grobe Zerkleinerung und Aufspaltung der Kohlenhydrate.

Wie viel Speichel beim Kauen produziert wird, ist übrigens ganz individuell: Das hängt vom Aussehen einer Speise, von ihrem Geruch und natürlich vom Appetit ab. Hergestellt wird der Speichel von insgesamt sechs Drüsen, die ihr Sekret bei Bedarf über spezielle „Leitungen“ an den Mundraum abgeben. Rund 1,5 Liter Speichel werden auf diese Weise Tag für Tag produziert.

Station 2: die Speiseröhre

Die Zunge unseres Testessers hat einen gut zerkauten, schluckfähigen Bissen geformt und schiebt diesen nun nach hinten in den Rachen. Dadurch hebt sich automatisch das Gaumensegel. So wird verhindert, dass sich kleine Brot- oder Käsestückchen in die Luftröhre verirren. Der Bissen gelangt auf diese Weise ohne böses Verschlucken in die Speiseröhre.

Dieser rund 25 cm lange Muskelschlauch besitzt zwei Schließmuskeln – einen oberen und einen unteren. Nach Beginn des Schluckvorgangs erschlafft der obere, der Bissen gelangt durch Muskelkontraktionen (Peristaltik) zum unteren Ende der Speiseröhre. Sobald er dort ankommt, öffnet sich der untere Schließmuskel und gibt den Weg in den Magen frei.

Station 3: der Magen

Hier findet das gut gekaute Käsebrot jede Menge Platz. Schließlich sind seit der letzten Mahlzeit unseres Testessers schon fast drei Stunden vergangen. Als Verdauungshelfer wartet bereits die Magensäure. Ein Mensch produziert mit den auf der Magenschleimhaut befindlichen Drüsen pro Tag durchschnittlich zwei Liter dieses Sekrets. Die Mischung aus Salzsäure, Magenschleim und Enzymen ist der zweite Verdauungssaft, der nach dem Speichel zum Einsatz kommt. Der für die Eiweißverdauung wichtige Magen ist sehr muskulös und vermischt durch die Bewegung seiner Muskeln den Speisebrei mit dem verdauungsfördernden Saft.

Der Magensaft hat noch eine weitere Aufgabe: Er ist, wie man schon aus seiner Zusammensetzung erkennen kann, sehr sauer und macht so fast allen schädlichen Eindringlingen (Mikroorganismen etc.) den Garaus. Er tötet alle Keime ab, die mit dem Brot, dem Käse und der Garnierung in den Magen unseres Testessers gelangt sind. Nach wenigen Stunden ist das Mischen und „Desinfizieren“ erledigt. Der Magen öffnet nun eine Schleuse, den sogenannten Magenpförtner, und gibt seinen Inhalt an den Dünndarm weiter. Übrigens: Nicht unser ganzes Käsebrot wird so auf einen Ruck verdaut. Der Magen lässt sich Zeit und schickt nur kleine Portionen an den Dünndarm weiter.

Station 4: der Dünndarm

Unser Käsesnack hat sich dank der guten Arbeit des Magens in einen schön durchmischten Speisebrei verwandelt. Durch seine Bewegungen, die sogenannte Peristaltik, transportiert der rund fünf Meter lange Dünndarm diesen Brei nun langsam weiter. Der Dünndarm ist vielfach gefaltet und ausgestülpt. Das vergrößert seine Oberfläche, die eine ganz wichtige Aufgabe erfüllt: Über die Dünndarm-Schleimhaut erfolgt nämlich die eigentliche „Energieübertragung“. Hier gelangen die aufgespaltenen und umgewandelten Nährstoffe in den Blutkreislauf und spenden uns so die Energie, die wir für unsere Existenz brauchen.

Die Leber und die Bauchspeicheldrüse helfen dem Dünndarm bei dieser wichtigen Arbeit. Ihre verdauungsfördernden Säfte gelangen über spezielle Gänge in den oberen Abschnitt des Dünndarms, den sogenannten Zwölffingerdarm (er ist ungefähr so lang wie zwölf Finger breit sind). Die Leber liefert pro Tag rund einen halben Liter Galle, die in der Gallenblase gespeichert und von dort aus je nach Bedarf an den Magen abgegeben wird. Sie zerlegt vor allem die Fette des Nahrungsbreis und verwandelt sie in Glycerin und Fettsäure. Die Bauspeicheldrüse ist die wichtigste Verdauungsdrüse. Sie produziert über den Tag verteilt rund zwei Liter eines Sekrets, das mit seinen Enzymen die Nahrung weiter zerkleinert. Die Kohlenhydrate werden auf diese Weise in einfache Zucker umgewandelt, die Eiweiße in Aminosäuren.

Auch der Dünndarm selbst ist nicht untätig und produziert täglich rund zwei Liter Flüssigkeit. Dieses Sekret neutralisiert vor allem den saueren Magensaft, mit dem der Nahrungsbrei mittlerweile kräftig durchmischt wurde. Diese Neutralisation ist notwendig, damit die Nahrung weiter aufgespalten werden kann.

Unser Käsebrot hat sich durch die rege Arbeit des Dünndarms und die Sekrete der Leber und Bauchspeicheldrüse in winzig kleine Nährstoffe verwandelt: Die Kohlenhydrate des Brotes wurden in Monosacharide zerlegt, das Eiweiß des Käsesnacks in Aminosäuren umgewandelt, die Fette zu Fettsäuren zerlegt. In dieser Form werden die Nährstoffe über die Oberfläche des Dünndarms vom Blutkreislauf und dem Lymphsystem unseres Testessers aufgenommen, weitergeleitet und in der Folge in Energie für die Muskelzellen (oder auch in Fettpölsterchen) umgewandelt.

Die Mineralstoffe, die reichlich im Käsebrot enthalten waren, müssen übrigens keinen derartigen Umwandlungsprozess durchlaufen. Sie werden jetzt ebenfalls über die Dünndarmwand vom Körper aufgenommen. Das gilt auch für die wasserlöslichen Vitamine B1, B2, Niacin und Vitamin C. Bei den A- und E-Vitaminen ist das wieder eine andere Sache: Sie zählen zu den sogenannten fettlöslichen Vitaminen. Der Körper kann sie nur dann verwerten, wenn sie von den Fettsäuren „huckepack“ genommen werden. Das ist auch der Grund, warum in vielen Saftbars ein kleines Ölfläschchen für den frisch gepressten Karottensaft bereitsteht. Auch der Käsebelag des Brotes erfüllt diesen Zweck und sorgt dafür, dass die wertvollen A- und E-Vitamine nicht verloren gehen.

Station 5: der Dickdarm

Der Dünndarm hat ganze Arbeit geleistet. Viel ist von unserem Käsebrot nicht mehr übrig. Nur ein paar Reste, die der Körper nicht verwerten kann sowie Salze und natürlich Wasser. Das holt sich der energiebewusste Körper wieder zurück, und zwar im Dickdarm, dem letzten, rund 1,5 Meter langen Streckenabschnitt der „Verdauungsreise“ unseres Snacks. Wenige Stunden nach dem Verzehr des Käsebrots verlassen schließlich die letzten Reststoffe über den Enddarm den Körper unseres Testessers.

So entlasten Sie Ihr Verdauungssystem!

* Kauen Sie Ihre Nahrung gründlich. Da die Verdauung bereits im Mund beginnt, entlastet das gründliche Einspeicheln den Magen und sorgt für eine bessere Verwertung der Nährstoffe.

* Verzichten Sie auf Nahrungsmittel, von denen Sie wissen, dass Sie sie nicht gut vertragen.

* Unterlassen oder reduzieren Sie das Zigarettenrauchen, wenn Sie Magenprobleme haben! Nikotin kann die empfindlichen Magenschleimhäute angreifen.

* Zu viel Alkohol bremst die Produktion der Verdauungssäfte. Ein „Verdauungsschnaps“ schadet aber nicht. Wirksamer ist der Schnaps allerdings als Aperitif vor dem Essen. Die enthaltenen Bitterstoffe fördern die Magensaftproduktion und erleichtern so die Verdauung.

* Essen Sie viel Obst und Ballaststoffe und trinken Sie viel Wasser oder Tee, wenn Sie unter Verstopfung leiden! Verwenden Sie beim Kochen verdauungsfördernde Gewürze. Besonders hilfreich sind Koriander, Anis, Ingwer, Kümmel, Kreuzkümmel und Fenchel.

* Bestimmte Medikamente wie zum Beispiel Antirheumatika oder Aspirin können Bauchbeschwerden verursachen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über mögliche Alternativen!

* Bedenken Sie, dass kleinere Portionen, dafür aber mehrere am Tag, leichter verdaulich sind als große Portionen.

Bakterienvielfalt im Verdauungstrakt

Eine gesunde Darmflora schützt vor Allergien und Übergewicht.

Billionen Bakterien besiedeln den Menschen – etwa auf der Haut, im Mund oder in den Atemwegen. Die weitaus meisten Mikroorganismen leben jedoch im Darm – vor allem im Dickdarm. Mit molekularbiologischen Verfahren können Mediziner inzwischen die Zusammensetzung dieser Darmflora detailliert untersuchen und die Funktionen einzelner Stämme klären. Diese Untersuchungen zeigen zunehmend, wie wichtig diese Bakterien für den Erhalt der Gesundheit sind.

So deuten etliche Studien darauf hin, dass Störungen der Darmflora sowohl die Anfälligkeit für manche Allergien als auch die Neigung zu Übergewicht fördern. Kürzlich untersuchten Mediziner der Universität New York die Entwicklung von über 11. 000 Kindern, die 1991 oder 1992 in der britischen Region Avon zur Welt kamen. Jene Kleinen, die während der ersten fünf Lebensmonate Antibiotika bekamen, hatten im Alter von zehn bis 20 Monaten im Verhältnis zu ihrer Größe mehr Gewicht als die übrigen Kinder. Und mit gut drei Jahren waren sie eher übergewichtig. Jene Kinder, die im Alter von sechs bis 14 Monaten Antibiotika bekamen, hatten allerdings kein erhöhtes Risiko für späteres Übergewicht. Im „International Journal of Obesity“ vermuten die Forscher, dass die Medikamente gerade im Säuglingsalter die Entwicklung der Darmflora verändern.

Umgekehrt scheint eine Veränderung der Darmflora auch Übergewicht und Krankheiten wie Diabetes Typ 2 zu bessern. Dies zeigt eine Studie aus den Niederlanden an Menschen mit dem metabolischen Syndrom. In deren Verdauungstrakt pflanzten Mediziner Darmbakterien ein, die von schlanken Spendern stammten. Sechs Wochen später hatte sich bei den Empfängern nicht nur die Darmflora verändert, sondern sie reagierten auch empfindlicher auf das Hormon Insulin, wie die Forscher in der Zeitschrift „Gastroenterology“ berichten. Das Nicht-Ansprechen auf Insulin ist Ursache der Stoffwechselkrankheit Diabetes Typ 2. Die Erklärung für dieses Ergebnis liegt vermutlich darin, dass sich die Darmbakterien bei dünnen und dicken Menschen unterscheiden. Übergewichtige weisen zum Beispiel mehr sogenannte Firmicutes-Bakterien im Darm auf. Diese helfen, ansonsten kaum verdaubare Kohlenhydrate verdaubar zu machen, und steigern die Energiegewinnung.

Alle Hinweise und Ratschläge in diesem Buch wurden sorgfältig geprüft. Eine Garantie auf Richtigkeit oder Vollständigkeit kann dennoch nicht übernommen werden. Eine Haftung der Autoren für Personen-, Sach- und Vermögensschäden ist daher ausgeschlossen.

3. Auflage 2020

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Autorin:

Regina Margarethe Beckers

Über die Autorin

Dr. phil. Regina Margarethe Beckers schreibt über ein breit gefächertes Themenspektrum – unter anderem über Lifestyle-Themen und Gesundheit. Sie arbeitet als Autorin  für deutsche sowie österreichische Print- und Online-Medien. Die freiberufliche Journalistin lebt und arbeitet in Österreich.

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