Prinz mit Mops – eine Liebesgeschichte

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Von Christa Haberstett

KAPITEL 1

Wann immer die Liebe in Selmas Leben trat, tat sie es sachte und auf leisen Sohlen.

 »In der Zeit, die du brauchst, um dich in einen Kerl zu verlieben und endlich Sex mit ihm zu haben, haben andere Frauen schon den ersten Ehekrach hinter sich«, hatte ihre Schwester Isabell einmal spöttisch gemeint.

  Selma verstand das nicht. Sich Hals über Kopf in jemanden verlieben, war etwas, was unreife Teenager taten. Wie sollte man sich in jemanden verlieben, den man nicht richtig kannte? Sie brauchte Zeit. Zeit, um Dinge, an einem Menschen zu entdecken, die sie wirklich mochte. Das konnte ein Charakterzug sein, oder etwas ganz Banales, wie etwa die Geste, mit der ein Mann ein Taxi heranwinkte.

  Sobald sich eine ausreichende Anzahl dieser Dinge angesammelt hatten und sie wirklich bereit für eine neue Beziehung war, wechselte ihr Gefühlslage ganz sachte und unspektakulär von Sympathie und Zuneigung in ein wohltemperiertes Gefühl der Verliebtheit.

  Dabei fand sie Romantik schön. Ein richtig kitschiger Liebesfilm, in dem Held und Heldin von der ersten Sekunde an füreinander bestimmt zu sein schienen, konnte sie zu Tränen rühren. Doch im Grunde ihres Herzens hielt sie Liebe auf den ersten Blick für nichts anderes als ein Märchen. Etwas, das Romanschriftsteller ersannen, das aber zumindest mit ihrer Wirklichkeit nicht das Geringste zu tun hatte.

  Daher war das, was gestern passiert war, etwas absolut Unerwartetes, Unvorhergesehenes. Etwas, das Selma im innersten Kern ihres Wesens so stark berührt hatte, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Ahnung davon bekam, dass es so etwas wie Liebe auf den ersten Blick vielleicht doch gab.

Es geschah an einem Ort, an dem Selma am allerwenigsten damit gerechnet hatte – im Yogakurs. Schon seit Wochen hing an der Tür ihres Kühlschranks ein mit einem Magneten befestigter Gutschein für einen Schnupperkurs, ein Geburtstagsgeschenk ihrer Freundin und Kollegin Melinda.

  Selma hatte nicht viel Erfahrung mit Indoor-Sport. Sie war lieber in der freien Natur, ging ab und zu joggen oder machte eine Tour mit dem Mountainbike. Aber sie probierte gerne Neues aus. Warum also nicht! Und vielleicht gab es ja ein paar nette Frauen unter den Kursteilnehmerinnen, mit denen man anschließend mal ein Bier trinken gehen konnte.

  Dass sich in diese Kurse nur sehr selten Männer verirrten, wusste sie von Melinda, einem wahren Yoga-Profi, die über das Anfängerlevel längst hinausgewachsen war. Mindestens zwei Mal in der Woche tauchte sie mit einer köcherartigen Yoga-Matten-Hülle im Büro auf, um gleich nach Arbeitsschluss in ein trendiges Yogastudio zu verschwinden. Immer wieder berichtete sie restlos begeistert von ihren Yoga-Erlebnissen, was Selma neugierig machte. Wenn sie an Yoga dachte, tauchte das Bild ihrer Mutter auf, die in ein zu enges lila Trikot gezwängt vor fast 20 Jahren regelmäßig am Mittwoch Nachmittag den Anweisungen einer Yogini im TV gefolgt war. Die hier vorgezeigten Übungen schienen Selma nicht nur ergebnislos, sondern auch langweilig und albern. Ein Bild das sie mit den Berichten Melindas, die enthusiastisch darüber sprach, wie wohl sie sich fühle, seit sie Yoga mache, nicht in Einklang bringen konnte.

  Doch irgendwie klang es auch verführerisch. Männer schienen allerdings gegenüber derartigen Verlockungen immun zu sein. Yoga war, aus welchen Gründen auch immer, für die meisten Vertreter des männlichen Geschlechts offenbar ein absolutes No-Go.

   Umso überraschter war Selma, als sie sah, dass sich sich unter den zwölf Kursteilnehmern auch ein Mann befand und noch dazu ein ausgesprochen attraktives Exemplar um die 30 mit breiten Schultern und einer gesund wirkenden, leicht bräunlichen Gesichtsfarbe. Ein mediterraner Typ, wie Selma registrierte, mit feinen und doch männlich-markanten Gesichtszügen.

  Nachdem er sie mit einem freundlichen »Hi, ich bin David!« begrüßt hatte, ließ er seine Matte direkt neben die von Selma plumpsen, ohne sich darum zu darum zu kümmern, dass alle anderen sich etwas versetzt platziert hatten, um sich bei den Übungen nicht in die Quere zu kommen.

  Von diesem Moment an war es, als hätte Selmas Körper in Eigenregie einen stummen Dialog mit dem langbeinigen, mit einer dunklen Jogginghose und einem weißen T-Shirt bekleideten Kerl neben ihr aufgenommen. Sie war sich seiner Gegenwart in jeder Sekunde der 90minütigen Kurseinheit so bewusst, dass sie größte Schwierigkeiten damit hatte, der melodiösen Stimme von Frau Wohhartinger-Minesheim, einer dünnen und muskulösen Frau, die sich als Leiterin des Kurses vorgestellt hatte, zu folgen. Als sie, den Rücken an die Yogamatte gepresst, die Hände seitlich ausstreckte, fühlte es sich an, als würden ihre Fingerspitzen kleine elektrische Entladungen auffangen, die von den nur wenigen Zentimetern entfernten Händen Davids in ihren Körper flossen. Eine wunderbare Irritation, die Selma dazu brachte, ihren Kopf wie in Trance in Richtung David zu drehen und seinen weichen Blick einzufangen, in dem sie so etwas wie Erstaunen und ein unbestimmtes Sehnen las. Kleine Glücksschauer fluteten durch ihren Körper. Sie sah die grünen Sprengsel in seinen braunen Augen. Im Geiste streichelten ihre Finger über seinen Bartschatten, sein dunkles, leicht gewelltes Haar und berührten sachte seine Augenlider mit den langen Wimpern, die irgendwie nicht zu diesem Männergesicht mit seinen markante Linien zu passen schienen.

  Während überall im Raum Beine hektisch herumwirbelten, lagen sie ganz still, die Köpfe fest an die genoppte Yogamatte gedrückt, so als wären sie in einem Vakuum gefangen, in dem die Zeit nur für sie stillstand.

Noch am nächsten Tag konnte Selma jede einzelne Sekunde dieses zauberhaften Moments abrufen und nachspüren. Es war wie ein Film, den man nicht müde wurde, anzusehen, den man immer und immer wieder vor seinen Augen ablaufen ließ.

  Diese unerklärliche Anziehungskraft, die sie noch immer in jeder Faser ihres Körpers spürte, brachte sie so aus dem Lot, dass sogar ihr übliches Entspannungsprogramm nicht funktionierte. Wann immer Selma aus dem Gleichgewicht geriet, gab es ein todsicheres Rezept, um alle Sorgen einfach zu vergessen. Eine Gesichtsbehandlung in „Annettes Beauty-Salon“, praktischerweise gleich um die Ecke von Selmas Büro. Annette war längst weitergezogen, doch Sandra, die das Geschäft von ihr übernommen hatte, ließ das pinkfarbene Firmenschild mit dem Namenszug der Vormieterin einfach an Ort und Stelle.

  Selma war Stammkundin und hatte daher einen Notfalltermin für eine Gesichtsbehandlung bekommen. Statt sich, wie sonst in der Mittagspause ein Sandwich oder eine Portion Take-away-Nudeln im indischen Schnellimbiss zu besorgen, vertraute sie sich Sandras kundigen Händen an. Sie mochte die reizarme Umgebung, die man hier geschaffen hatte. Es gab keine Rosa- oder Pastelltöne, keine Bilder an den Wänden und keine leise dudelnde Entspannungsmusik. Annette hatte beide Behandlungsräume in einem sterilen Weiß eingerichtet, das an eine Arztpraxis erinnerte, und Sandra hatte daran erfreulicherweise nicht das Geringste verändert. Es war eine saubere und hygienisch wirkende Welt, in der sich Selma aufgehoben fühlte. Mittlerweile strömte wohlig warmer Dampf über ihr Gesicht und öffnete alle Poren, was ihr normalerweise ein himmlisches Gefühl der Entspannung bescherte.

  Doch der verlässliche Sorgenbrecher funktionierte heute nicht. Das lag daran, dass sie auf einer rosaroten Wolke schwebte. Einer duftig leichten, wunderschönen Wolke des Verliebtseins zu einem Mann, an den sie nur flüchtig denken musste, und schon kribbelt es so herrlich schön in ihrem Inneren, dass es sich anfühlt, als hätte sie Schmetterlinge im Bauch.

  Doch etwas in ihr wollte dieses Gefühl nicht nicht an sich heranlassen. Wie konnte sie nur dermaßen auf einen Kerl reagieren, von dem sie nicht das Geringste wusste? Auf einen Fremden, der ihr noch nie begegnet war! Sie verstand sich selbst nicht. Dieses Empfindung, sich von der ersten Sekunde an intensiv zu einem Mann hingezogen zu fühlen, erlebte sie zum ersten Mal in ihrem Leben, und irgendetwas in ihrem Inneren wehrte sich mit aller Macht dagegen.

  Sie kannte David nicht und dennoch hatte sie das Gefühl, als wäre er ihr schon lange vertraut. Seltsamerweise schienen auch andere diese Verbundenheit wahrzunehmen.

  »Das ist aber wirklich nett von deinem Freund, dass er mit dir zum Yoga geht.» Diese Bemerkung einer kleinen, etwas übergewichtigen Schwarzhaarigen, die sich im Umkleideraum neben Selma aus ihrem lavendelfarbenen Yoga-Outfit schälte, irritierte sie.

  »Er ist nicht mein Freund«, erklärte sie. »Ich habe ihn heute auch zum ersten Mal gesehen.«

  »Tatsächlich? Ich hätte schwören können, dass ihr ein Paar seid!«

KAPITEL 2

  Selma hatte Angst. Noch nie hatte sie sich von der ersten Sekunde an so sehr gewünscht, einem Mann, den sie kaum kannte, nahe zu sein. Doch da war keine Sicherheit. Keine Gewissheit, jemanden wirklich gut zu kennen und hundertprozentig zu wissen, worauf man sich einließ. Sie brauchte diese Sicherheit. Sie war ihr Anker, ohne den sie sich nicht wirklich auf einen Mann einstimmen konnte. Dabei wusste sie mittlerweile sehr gut, dass diese Sicherheit kein Garantiepaket für eine perfekte, lebenslange Beziehung war. Menschen änderten sich. So wie sich Michael geändert hatte, Selmas erste ernsthafte Liebesbeziehung. Fast ein Jahr waren sie nur Kommilitonen, die nach den Vorlesungen gerne mal gemeinsam mit anderen etwas unternahmen, bevor es ganz langsam mehr wurde. Dass es nicht dauerhaft mehr bleiben konnte, lag daran, dass sich Michael einfach nicht von seiner Mutter abnabeln konnte. Nachdem sie fast drei Jahre ein Paar waren, ließ sich nicht mehr leugnen, dass er ein unheilbares Muttersöhnchen war. »Mein Vermieter braucht seine Wohnung. Eigenbedarf. Da kann man nichts machen. Ich wohne jetzt vorübergehend bei meiner Mutter.» Das klang einleuchtend, wenn man außer Acht ließ, dass dieses Vorübergehend sich erst über Monate und schließlich über Jahre erstreckte.

  Es dauerte ziemlich lange, bis sich Selma eingestand, dass diese Dreiecksbeziehung nicht länger gesund war. Dass es für Michael, Mama und sie keine Zukunft gab, wurde Selma so richtig klar, als sie vorsichtig das Thema „Zusammenziehen“ ansprach. Michaels Reaktion war nicht gerade ermutigend. Drei Monate hörte Selmas sich in verschiedenen Varianten »Schöne Idee, da sollten wir drüber nachdenken!«  an, zwei Monate lang ein vages »Das sollte man sich wirklich sehr, sehr gut überlegen. Nur nichts überstürzen!« und dann – nach Selmas Drohung, sich anstelle von Michael einen Golden Retriever zuzulegen – der finale Tiefschlag: »Du, ich hab mit Mutti gesprochen. Wir können das Tiefparterre bekommen, ganz für uns alleine. Na, was sagst du?«

  So hatte Selma sich ihre Zukunft nicht vorgestellt: im Keller eines Reihenhäuschens sitzend, über ihr das Geklapper der Pantoffel von Michaels Mutter. Womöglich den Haushalt, die Waschmaschine und Michael mit ihr teilend. Und ganz langsam, aber unweigerlich ihr Leben in die Schwiegermutterhände legend. Von diesem Moment an begann Selma, sich wieder zu entlieben. Ein Prozess, der genau so viel Zeit verschlang wie der des Verliebens.

  Als diese Phase endlich abgeschlossen war, brauchte ihr Herz erst einmal eine Pause, bevor der Prozess des langsamen sich Annäherns von Neuem begann. Der Auserwählte war Lothar, ein ehemaliger Mitbewohner der Wohngemeinschaft, in der ihre beste Freundin Lizzy zu Hause war. Doch Lothar verstand Selmas Art und Weise, sich an eine Beziehung heranzutasten, völlig falsch. Für ihn bedeutete es, dass ihr Zusammensein mehr oder weniger unverbindlich war. Nicht exklusiv sozusagen. Was Selma klar wurde, als er ihr versehentlich eine SMS schickte, in der er enthusiastisch von einer Liebesnacht schrieb, die eindeutig nicht sie mit ihm verbracht hatte. Von da an hatte ihre Beziehung einen nicht mehr zu reparierenden Knacks. Der unvermeidliche Prozess des Entliebens kam in Gang und schließlich verschwand Lothar aus Selmas Blickfeld.

Auch ihr letzter Herzenskandidat Carl hatte sich als Reinfall entpuppt. Wochenlang hatten sie mit ihm eine Art Kaffee-Date gehabt. Selma war eine pünktliche Kaffeetrinkerin. Ihr Verlangen nach Koffein meldete sich verlässlich am Nachmittag gegen 14 Uhr. Carl aus der Marketingabteilung schien einen ähnlichen Biorhythmus zu haben. Als sie sich den dritten Arbeitstag hintereinander in der kleinen Kaffeeküche trafen, machten sie zum ersten Mal Witze darüber. Selma mochte ihn. Er war unbeschwert und brachte sie zum Lachen. Sie begann, sich auf die täglichen Kaffeemeetings zu freuen und fühlte sich wohl in dieser Viertelstunde mit Carl. Das Anfangsstadium der Verliebtheit hatte sie noch nicht erreicht, aber sie war auf dem besten Weg dahin. Dabei war Carl verheiratet und damit für Selma ein absoluter „Nein-Danke-Kandidat“ in Sachen Beziehung. Bloß wusste sie das nicht – genau so wenig wie Millionen andere Frauen, denen es irgendwann einmal wie Schuppen vor den Augen fällt. In Selmas Fall war sogar jemand so freundlich, diese Schuppen von ihren Augen zu entfernen – nämlich ihre Kollegin Lina.

  Selma arbeitete als Grafik- und Media-Designerin in einem Verlag. Klingt nach einem Kreativjob und ist es irgendwie auch. Und weil man hier Kreativität auch demonstrieren wollte, saßen die Mitarbeiter in Abteilungen, die in verschiedenen Farben designt waren. In Selmas Büro war alles lindgrün: der Schreibtisch, der Bürosessel, die witzigen Regale aus Buchenholz, das Telefon … Naja und auch Selma wurde an einem schönen Sommertag im vergangenen Juli etwas grün, als ihr klar wurde, warum sich ihre Kollegin Lina in ihrem Besucherstuhl niedergelassen hatte.

  Selma kannte Lina als nette, immer fröhliche Kollegin, die als persönliche Assistentin der Personalchefin in ihrer Abteilung alles am Laufen hielt. Doch jetzt war ihre Miene ernst.

  »Eigentlich geht es mich überhaupt nichts an«, sagte Lina, die sich offenbar sehr bemühte, die richtigen Worte zu finden. »Aber ich habe gesehen, dass Carl seinen Charme bei dir spielen lässt und ich schätzte, du solltest wissen, dass er verheiratet ist. An einer Beziehung ist der wirklich nicht interessiert, das kann ich dir aus eigener Erfahrung sagen. Aber das bleibt unter uns. O.k.? »

  Lina, die sonst stets gute Laune verbreitete, wirkte plötzlich ernst und verletzlich.

  Selma spürte einen dicken Kloß im Hals und brennende Tränen hinter ihren Augenlidern, die sie nur mit aller Willenskraft zurückhalten konnte. Carl hatte ihr also nur etwas vorgemacht, dabei war sie sich so sicher gewesen, dass er sich wirklich ernsthaft für sie interessiert hatte.

  Für Selma war die Sache mehr als ein Reinfall, über den man nach einiger Zeit mit einer Freundin lachen konnte. Etwas in ihr geriet dadurch aus dem Lot. Während sie vor der Episode mit Carl Männern, die sie interessierten, grundsätzlich so etwas wie einen Vertrauensbonus gab, machte sich nun nagendes Misstrauen in ihr breit. Dieses Misstrauen war einige Wochen so groß, dass Selma Männer emotional sozusagen komplett auf Eis legte. Es reichte noch nicht mal für Verliebtheitsphase Nummer 1.

  Doch jetzt hatte sich das Verliebtsein mit einem Paukenschlag in ihrem Leben gemeldet.

»Warum soll das nicht funktionieren!«, fragte Lizzy. »Wenn ich mir einen Staubsauger kaufen will, dann recherchiere ich doch auch ewig im Internet und such mir den besten aus!«

  Selma rollte entnervt mit den Augen, was Lizzy nicht leiden konnte, aber schließlich war Selma ihre beste Freundin und wusste ganz genau, dass sie damit durchkam.

  »Es funktioniert nicht, Lizzy, weil Menschen keine Staubsauger sind. Ganz einfach. Oder hast du schon mal Männer mit dem Testurteil ´sehr gut´ im Internet gefunden?«

  »Keine schlechte Idee», meinte Lizzy. »Vielleicht sollte ich ja mal bei Stiftung Warentest anfragen.»

  Tatsächlich hörte sich die Idee für sie von Stunde zu Stunde besser an. Schließlich sollte ihre Freundin endlich mal einen wirklich guten, passenden Mann finden. Einen Ehemann-tauglichen, „Ich verbringe den Rest meines Lebens mit dir und unseren zwei Kindern“ Mann. Selma wurde bald 29 und weit und breit war kein Kandidat für den Traualtar in Sicht. Was Lizzy, die gleich alt war, kein Kopfzerbrechen bereitete, wenn es um ihre eigene Person ging. Sie hatte einfach andere Prioritäten. Doch sie wusste, dass Selma in dieser Hinsicht ganz anders tickte als sie.

  Höchste Zeit also, dass sich die Dinge für Selma änderten, und zwar bald!   Und Lizzy wollte ihr dabei helfen und verhindern, dass sie ihre Zeit an jemanden verschwendete, der sie nicht verdiente. Sie wusste genau, wie sie dabei vorgehen musste, wie man online und auch über andere Kanäle an Infos über Leute herankommt. Sie verdiente damit als Rechercheurin in der größten Anwaltskanzlei des Landes sogar ihren Lebensunterhalt.

  Dabei sah die kleine, schmächtige Person mit den brauen Ringellocken und dem herzförmigen Gesicht gar nicht wie jemand aus, der mehr oder weniger legal brisante Informationen beschaffte. Doch Lizzy war verdammt gut. Sie konnte herausfinden, ob die Geliebte eines Ehebrechers schwanger war, noch eher der Vater selbst die freudige Nachricht erfuhr. Sie wusste, wer in der Personalabteilung auf der Abschussliste stand, noch bevor der Kandidat sich über seine Freisetzung, wie es so schön hieß, den Kopf zerbrechen musste. Sie konnte herausfinden, ob jemand schon mal mit dem Gesetz in Konflikt geraten war. Lizzy wusste einfach alles. Sie liebte ihren Job.

 »Ich check ihn für dich, Selma. Wenn du alles über ihn weißt, wirst du keine Angst mehr haben, dich in ihn zu verlieben!«

»Das ist lieb von dir. Aber das will ich nicht. Es ist nicht richtig, einfach so im Leben eines Menschen herumzuschnüffeln.«

»Dann lass mich wenigstens herausfinden, ob er verheiratet ist«, traf Lizzy haarscharf Selmas wundesten Punkt.

 »Also gut!«, seufzte Selma. »Das würde ich wirklich gerne wissen, aber wirklich nur diese eine Sache. Bitte schau mal, ob du das rausfinden kannst! Sein Nachname ist Stratten. Ist ja nicht gerade ein Allerweltsname, also wird es mit etwas Glück in unserer Stadt nur einen David Stratten geben.«

Dass David Yoga machte, war eigentlich schon außergewöhnlich genug. Schließlich dürfte auch er geahnt haben, dass sich in das Institut, das sich vollmundig „Yoga Health Center“ nannte, fast nur Frauen verirrten. Er passte also nicht ganz ins Bild, auch wenn er, zumindest aus Selmas Sicht, ein Bild von einem Mann war. Was trieb einen 1,85 Meter großen Kerl mit einem athletischen Body, der mehr nach Rudern als nach Entspannungstraining aussah, dazu, sich eine Yogamatte zu kaufen? Was hatte so ein Typ bloß in einem typischen Frauenkurs verloren? War das vielleicht ein Aufreißertrick? Falls ja, funktionierte er.

  Einige der Frauen im Yoga-Center warfen David mehr als interessierte Blicke zu. Sie begannen regelrecht zu schmelzen, sobald er den großen Übungsraum mit dem schönen, hellen Holzfußboden betrat. Aber David schien das gar nicht richtig mitzubekommen. Falls er jemandem schöne Augen machte, dann war das definitiv Selma. Dabei konnte sie zwar mit einem sexy Schmollmund punkten, der ihr schon so manches Mal die spitze Bemerkung »Sieht wirklich echt aus» beschert hatte. Was Selma wirklich nervte, da es sich bei ihrem Mund wie bei ihren blonden Haaren um ein Erbteil ihrer schwedischen Großmutter handelte und nicht um das Werk eines Schönheitschirurgen. Doch einen perfekt durchtrainierten Body konnte sie nicht vorweisen. Sie war schlank, doch angesichts ihrer weiblichen Rundungen, alles andere als dürr. Und sie war in Sachen Yoga einfach benachteiligt, wie sie selbst fand. Schließlich war es mit ihrer Größe von knapp 1,74 Metern gar nicht so leicht, die langen Beine bei den Übungen dahin zu bringen, wohin kürzere Beine offenbar wie von selbst gelangten.

  All dieser Selbstzweifel zum Trotz breitete David auch in der zweiten Kurseinheit seine Yogamatte wie selbstverständlich neben der von Selma aus. Und wenn es mal wieder gar nicht so ging, wie Kursleiterin Beate Wohhartinger-Minesheim wollte, warf er Selma einen aufmunternden Blick zu. Das machte es leichter und sogar lustiger. Denn oft konnten die beiden miteinander lachen, etwa wenn David bei einer besonders schwierigen Übung in gespieltem Entsetzen seine schönen, dunklen Augen aufriss. Doch bei allem, was sie taten, lag immer der magische Moment ihrer ersten Begegnung und eine süße Befangenheit lag in der Luft.

»Es ist wegen Papa, nicht wahr! Deshalb siehst du jetzt hinter jedem Mann einen notorischen Fremdgänger.«

  Ihr Bruder Friedrich ähnelte mit seiner olivfarbenen Haut und seinen dunklen Haaren ebenso wie Isabell ihrem Vater. Selmas Stupsnase, ihre hohen Wangenknochen, ihre weizenfarbenen Haare und ihre helle, zu Sommersprossen neigende Haut zeigten hingegen deutlich das schwedische Erbteil ihrer Mutter Alma.

  Friedrich säbelte hektisch an seinen Coq au Vin herum. Ein deutliches Zeichen von Gereiztheit, denn ihr Bruder zählte zu den Menschen, die ihre Mahlzeiten üblicherweise ruhig und mit konzentriertem Genuss verspeisten.

  Hätte sie das Ganze bloß nicht erwähnt. Jetzt hatte das traditionelle Familien-Sonntagsessen, auf das Selmas Mutter so großen Wert legte, wieder mal mit einem Misston begonnen.

  »Nein das stimmt nicht. Das weißt du ganz genau», konterte Selma. »Und außerdem ist das keine große Sache. Lizzy soll nur rausfinden, ob David verheiratet ist. Das ist alles.»

  Im Gegensatz zu Friedrich und Isabell hatte Selma die Scheidung ihrer Eltern hautnah mitbekommen. Während ihr großer Bruder und ihre um drei Jahre ältere Schwester sich mehrere hundert Kilometer entfernt um ihr Studium kümmerten, war Selma noch ein Teenager. Sie war das Nesthäkchen der Familie und kam erst auf die Welt, als ihre Mutter knapp 40 Jahre alt war. Daher lebte sie noch zu Hause, als der Scheidungskrieg zwischen ihrem Vater Julius und ihrer Mutter Alma entbrannte. Ein Krieg, der einmal ganz klein angefangen hatte. Genauer gesagt mit einem Gedenkteller anlässlich der Hochzeit von Charles und Diana im Jahr 1986. Die beiden hatten sich ihr Jawort am selben Tag gegeben hatten, an dem Alma bei einer überraschend einfachen Geburt ihre Tochter Selma auf die Welt brachte.

  Wer Alma Ende der 90er Jahre dieses verhängnisvolle Geschenk gemacht hatte, wusste mittlerweile niemand mehr. Doch verhängnisvoll war es in der Tat, denn plötzlich gab es im Leben Almas, die sich bislang ganz traditionell (und völlig falsch, wie Selma fand) ausschließlich auf Haushalt, Mann und Kinder konzentriert hatte, eine weitere Leidenschaft, die mit den Jahren immer mehr Raum einnahm: das britische Königshaus, inklusive aller möglichen Devotionalien und des Gedenkens an königliche Geburts- und Jubiläumstage. Insbesondere die von ihr über alles verehrte Queen Elisabeth beanspruchte immer mehr Platz in Almas Herz und in ihrem Leben.

Mit der Zeit glich Selmas Zuhause immer mehr einem Royal Souvenirs Shop. Ihr Vater wurde angesichts seines immer kleiner werdenden Platzes im Hanniganschen Haushalt und in Almas Wahrnehmung zunehmend frustriert, was dazu beitrug, dass er sich eines Tages Hals über Kopf in eine Kollegin verliebte.

  »Ich weiß, dass es für dich nicht leicht zu verstehen ist», hatte er ihr kurz nach der endgültigen Trennung bei einer Vater-Tochter-Aussprache, wie er es nannte, erklärt.

  Sie hatten sich in einem kleinen Café in der Innenstadt verabredet, einem neutralen Raum, in dem ihr Vater, wie er hoffte, für das, was er getan hatte, am besten um Verständnis werben konnte.

  »Es hat mich wie ein Blitz getroffen. Es war so etwas wie Liebe auf den ersten Blick. Ich weiß, dass ich eigentlich über das Alter hinaus bin, in dem Menschen normalerweise so etwas passiert, aber es ist nun mal passiert», erklärte er ihr mit leisen Worten, während er nervös viel zu viel Zucker in seine Kaffeetasse schaufelte.

 Selma hatte Melissa, die große Liebe meines Lebens, wie sein Vater sie nannte, kurz vorher kennengelernt. Sie war nicht auf ihre Gegenwart vorbereitet und Julius hatte, nachdem er Selmas versteinerten Gesichtsausdruck registriert hatte, etwas von einem „kurzen Beschnuppern“ gemurmelt. Melissa, eine, wie Selma fand, durchaus nicht mit den Reizen eines Männertraums ausgestattete etwas übergewichtige, mütterlich wirkende Frau suchte daraufhin mit einem verlegenen Gesichtsausdruck eilig das Weite.

  Selma hatte sich bei diesem Zusammensein nicht wohlgefühlt. Sich mit ihrem Vater zu treffen, war in ihren Augen so etwas wie ein Vertrauensbruch gegenüber ihrer Mutter, die schrecklich unter der Trennung litt. Doch sie vermisste auch ihren Vater, der immer so etwas wie ein Anker in ihrem Leben gewesen war. Sie vermisste seine ruhige Art, seine Bereitschaft, ihr immer zuzuhören und ihre Probleme ernst zu nehmen.

  Aber mit seiner Erklärung, dass die Liebe nun mal wie ein Blitz eingeschlagen hatte, konnte sie nichts anfangen, und sie konnte ihrem Vater ebenso wenig wie Isabell nie wirklich verzeihen. An so etwas wie Liebe auf den ersten Blick glaubte sie schon als Teenager nicht und schon gar nicht bei einem Mann, der auf die 60 zuging, zu Haarausfall neigte und zudem als ihr Vater so etwas wie ein asexuelles Wesen war. Zu Melissa wahrte sie zu deren Leidwesen immer eine kühle Distanziertheit. Dass diese sich mit einem verheirateten Mann eingelassen hatte, konnte Selma weder verstehen noch verzeihen. Das war für sie ein unentschuldbares Verhalten, etwas von dem sie sich nicht vorstellen konnte, es jemals selbst zu tun.

  Nur Friedrich hatte mittlerweile so etwas wie eine stabile Beziehung zu seinem Vater. Während Selma und Isabell nur zu offiziellen Anlässen wie etwa Geburtstagen auftauchten, besuchte er Julius regelmäßig in dem kleine Reihenhäuschen, in dem er erneut verheiratet mit Melissa lebte. Sie war ebenfalls geschieden und hatte einen zwölfjährigen Sohn mit in die Ehe gebracht. Inzwischen hatte Selma sogar eine kleine Halbschwester. Anne, ein mittlerweile fünfjähriges Mädchen, das ihrer Mutter wie aus dem Gesicht geschnitten war. Julius schien mit seiner Zweitfamilie zufrieden. Er wirkte lebendiger und irgendwie mehr in sich ruhend, als ihn Selma aus ihren Kindertagen in Erinnerung hatte. Doch das wollte sie ebensowenig wahrhaben, wie die zärtlichen Blicke, die ihr Vater, in Momenten, in denen er sich unbeobachtet glaubte, seiner neuen Frau zuwarf.

  Für Alma war Julius mittlerweile Geschichte, wie sie sagte. Doch Selma wusste, dass das nicht stimmte. Ihre Mutter verarbeitete die Trennung auf eine ausgesprochen ungesunde Weise, wie sie fand. Anstatt ihre beruflichen Fähigkeiten wiederaufleben zu lassen, Alma war vor ihrer Heirat Buchhalterin und konnte exzellent mit Zahlen umgehen, flüchtete sie sich in eine Scheinwelt und verbrachte ihre Zeit damit, ihre Andenkensammlung stetig zu erweitern und sich auf Online-Foren mit Gleichgesinnten auszutauschen. Dabei driftete sie immer mehr in eine virtuelle Parallelwelt ab, in der sich Queen Elisabeth, Prinzession Kate und andere Mitglieder der europäischen Königshäuser tummelten.

  Ihr zweites Hobby galt Selma. Besser gesagt, dem drängenden Wunsch, Selma „richtig“ zu verheiraten, wobei die Kriterien, was ein passender Heiratskandidat mitbringen sollte, reichlich diffus blieben. An Isabell verschwendete sie ihre Bemühungen längst nicht mehr, seit diese gedroht hatte, bei der nächsten diesbezüglichen Bemerkung einem der unterbezahlten Praktikanten in ihrer Firma einen Heiratsantrag zu machen.

  Die Idee, einem möglichen künftigen Ehemann etwas zu durchleuchten, gefiel Alma jedenfalls ausnehmend gut. Welche fantastische Idee! Und wenn Lizzy wirklich so gut war, dann konnte sich ja vielleicht auch das eine oder andere interessante Souvenir aus der Welt der Windsors aufstöbern. Almas Augen leuchteten hoffnungsvoll auf, während sie sich ein Stück des zähen Hühnchens in den Mund schob.

  »Ich finde auch, dass das keine schlechte Idee ist», stimmte Isabell ihrer Mutter mal ausnahmsweise von Herzen zu.

  »Doch weißt doch – tick, tack, tick, tack. Die biologische Uhr, die tickt und tickt und tickt. Du bist jetzt 28 und hast noch nicht mal einen Freund. Da sind alle Mittel erlaubt», wandte sich Alma wieder einmal ihrem Lieblingsthema Nummer 2 zu.

  »Tick, tack. So ein Unsinn! Du warst doch auch nicht mehr ganz taufrisch, als du mich auf die Welt gebracht hast», konnte sich Selma nicht verkneifen, zu bemerken.

  »Das ist etwas ganz anderes. Du warst schließlich ein Nachzügler. Als du auf die Welt gekommen bist, waren dein Vater und ich schon sehr lange verheiratet.»

  Almas schmallippiger Mund zitterte jetzt leicht und Selma hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Nun hatte sie alte Wunden aufgerissen und das tat ihr von Herzen leid.

  Friedrich, der nicht unbedingt ein Vorbild war, wenn es um das Thema Heirat ging und der eine Beziehung nach der anderen in den Sand setzte, schien von dem Aufruhr, den Selmas Hinweis ausgelöst hatte, nichts zu bemerken.

  Isabell jedoch registrierte genau, dass ihre Schwester mal wieder ins Fettnäpfchen getreten war und konnte sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Sie hatte einen spannenden Job, jede Menge Verehrer und sie sah gut aus, was aus ihr, wie Selma wusste, aber leider keinen Menschen machte, der mit sich und der Welt zufrieden war. Selma hatte ihr zwar von Herzen leidgetan, wann immer ihr eine Phase des Entliebens zu schaffen machte, und sie tat ihr Bestes, um ihrer Schwester beizustehen. Doch ein kleiner Teufel in Isabell, und für diesen Teufel schämte sie sich tief in ihrem Innersten, frohlockte auch. Etwas in ihr blühte auf, wenn jemand Ärger hatte und sie sich dadurch ein klitzekleines Bisschen überlegen fühlen konnte. Sie zählte zu den Menschen, die ständig nach Mehr lechzen: nach Überlegenheit, nach mehr Geld, mehr Prestige, einem noch tolleren Wagen und dem Neid ihrer Mitmenschen. Etwas zu haben, was andere nicht haben, war für sie, auch wenn sie sich dafür insgeheim schämte, überaus erstrebenswert.

Selma wusste um diese Schwäche, um diese dunkle Seite in Isabell. Sie kam oft nur schwer damit zurecht, vor allem weil sie immer wieder erlebte, dass diese auch ganz anders sein konnte, nämlich herzlich, liebevoll und eine gute Zuhörerin. Selma hatte ihr von ihrer Sehnsucht nach einer eigenen Familie erzählt, ihrer Sehnsucht nach Menschen, die sich nicht den ganzen Tag nur um sich selbst (oder das britische Königshaus) drehten, von ihrem Wunsch nach Geborgenheit und dem Gefühl, gebraucht und wirklich geliebt zu werden.

  Plötzlich sah sie sich mit David und ihren zwei Töchtern, alle Hand in Hand, durch eine wunderschöne Blumenwiese laufen. Helles Kinderlachen, Davids kräftige Baritonstimme, Hundegebell, ein süßer hellbrauner Golden Retriever tollte um ihre Beine …

  »Und Lizzy könnte doch auch herausfinden, wie es um sein Einkommen steht und wer seine Eltern sind!»

  Almas Bemerkung riss Selma abrupt aus ihren David-Träumen. Ihre Mutter schien mal wieder Hochzeitspläne zu schmieden.

  »Klar doch, Mama. Wie konnte ich das nur vergessen! Ich sage Lizzy Bescheid. Sie erstellt uns dann ein komplettes Dosier.»

  Alma nickte zufrieden. Ironie zu erkennen, hatte noch nie zu ihren Stärken gezählt.

Selma rührte nervös in ihrer Minestrone, die einen herrlichen Duft nach frischen Kräutern verströmte. Sich mit Lizzy zum Abendessen zu verabreden, war vielleicht doch keine so gute Idee gewesen. Sobald die Vorspeisen serviert wurden, kam ihre Freundin ohne Umschweife und in Selmas Augen viel zu ausführlich auf das Thema David zu sprechen.

   »Also, er ist definitiv nicht verheiratet und auch nicht geschieden. Seine letzte Beziehung … »

  »Halt, halt, mehr wollte ich gar nicht wissen», bremste Selma Lizzy, die sich gerade so richtig in Fahrt reden wollte.

  »O.k.. Ist ja gut. Wie du meinst. Auf jeden Fall ist er nicht verheiratet und schwul ist definitiv auch nicht. »

  Schwul? An diese Möglichkeit hatte Selma noch gar nicht gedacht. Dabei wäre das vielleicht eine gute Erklärung dafür gewesen, dass David sich als einziger männlicher Teilnehmer in einen Yogakurs traute. Aber zum Glück, fiel das offenbar flach. In Selmas Sonnengeflecht vibrierte es regelrecht angesichts dieser guten Nachricht. Dass das zwackende Gefühl unter ihrem Rippenbogen mit dem Sonnengeflecht zu tun hatte, wusste sie von Beate Wohhartinger-Minesheim und den Atemübungen am Beginn der Kursstunde.

  »Was seine Ausbildung angeht, ist er nicht gerade der Überflieger», sprudelte es aus Lizzy heraus. Sie wollte unbedingt noch mehr von ihrem umfangreichen David-Wissen, das sie bei ihren Recherchen zusammengetragen hatte, loswerden. »Das Abi hat er geschafft, aber auf der Uni lief es nicht so gut. Mit 24 hat er das Studium dann ganz hingeschmissen, ein Jahr in Frankreich gelebt und dann als Fahrer bei VIPLimousines angefangen.  Das ist so ein Edelschuppen in der Innenstadt. Ein Limousinen-Service mit teuren Wagen. Richtig protzige Schlitten. Und das macht er offenbar immer noch.»

  In Selma meldete sich ein nagendes schlechtes Gewissen angesichts Lizzys Redeflut, die sich offenbar nicht so einfach stoppen ließ. Sie wollte doch wirklich nur wissen, ob David verheiratet war. Doch immerhin waren es nur ganz banale Dinge, die ihr Lizzy offenbar um jeden Preis erzählen wollte. Dass man die Uni mal sattkriegen konnte, wusste Selma noch aus ihrer eigenen Studienzeit. Obwohl sie selbst ihre Ausbildung nicht im Traum gegen einen Job eingetauscht hätte, bei dem man wildfremde Menschen durch die Gegend kutschieren musste. Aber vielleicht hatte David einfach Spaß daran. Womöglich war das so ein Männerding. Obwohl sie ihn eigentlich nicht so eingeschätzt hatte. Er wirkte einfach nicht wie jemand, der nur PS im Kopf hatte. Aber das war Selma im Grunde egal. Hauptsache, er war nicht verheiratet – hoffentlich auch nicht mit seiner Mutter.

  »Lieber Gott, bitte, lass ihn nicht bei seiner Mutter wohnen», flehte Selma, die gar nicht bemerkt hatte, dass sie offenbar laut gesprochen hatte.

 »Nein, keine Sorge! Er lebt alleine in einer kleinen Zweizimmerwohnung, nur ein paar Querstraßen von VIPLimousines entfernt. Ich schreib dir seine Adresse auf. Es sieht nicht so aus, als könnte er da irgendwo noch eine Mama unterbringen. Außerdem scheinen seine Eltern in Südspanien zu leben. Typische Auslandsrentner. Eine jüngere Schwester wohnt etwas außerhalb. Sie ist verheiratet. Und es gibt noch einen Bruder seines Vaters, der in Berlin zu Hause ist.»

  »Sieht so aus, als würde er nicht gerade im Schoß der Familie leben. Dabei könnte er ein bisschen Unterstützung ganz gut brauchen», fuhr Lizzy hastig fort. »Denn auf seinem Bankkonto sieht es nicht rosig aus, aber frag mich bloß nicht, wie ich das rausgefunden habe. Jedenfalls habe ich einen Blick auf seine Kreditkartenabrechnung geworfen, er gibt übrigens Unsummen in Steakhäusern aus, und … »

  »Halt Lizzy! Es ist lieb von dir, dass du mir helfen willst. Aber ich möchte das wirklich nicht wissen. Ich habe einfach kein gutes Gefühl dabei. Es ist nicht richtig, in seinem Leben herumzuschnüffeln!»

  Was Lizzy herausgefunden hatte, war schon viel mehr, als sie eigentlich wissen wollte und auch sollte. Er war nicht verheiratet – das reichte ihr vollkommen. Sie lächelte – so ganz tief aus ihrem Sonnengeflecht heraus, wie Frau Wohhartinger-Minesheim wohl sagen würde, hätte sie ihre Yoga-Schülerin in diesem wunderbaren, herrlichen Augenblick gesehen.

Die Gewissheit, dass David nicht verheiratet war, hatte so etwas wie eine Schleuse in Selma geöffnet. Alle Liebesgefühle, die sich seit der allerersten Kursstunde in ihr aufgestaut hatten, machten sich plötzlich auf dem Weg direkt zu ihrem Herzen, in das David endlich einziehen konnte. Den ganzen Montag hatte sie bereits wie auf Wolke 7 verbracht. Schmetterlinge tummelten sich in ihrem Bauch, und zwar genau bis 14:17 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt kam ihr plötzlich der Gedanke, dass David heute womöglich gar nicht im Kurs auftauchen könnte. Wer weiß, vielleicht war er krank oder er hatte in die „Gruppe der Helden“ gewechselt. Ein neuer Yogakurs speziell für Männer mit einem überaus seltsamen Namen, von der ihr Melinda kürzlich in der Mittagspause kichernd erzählt hatte.

  »Bitte lieber Gott, lass ihn da sein! Ich muss ihn einfach wiedersehen!», flehte Selma. Währenddessen begann ihr Mac scheinbar ganz ohne ihr Zutun mit der Bearbeitung eines Bildes, das sie erst vor einer Minute fertig bearbeitet hatte.

  Um 15 Uhr wusste Selma, dass der Arbeitstag gelaufen war. Von Herzen froh über die Erfindung der Gleitarbeitszeit, machte sie sich auf zum Shoppen. Einkaufen war nicht ihre bevorzugte Droge, wenn es darum ging, sich besser zu fühlen, oder sich abzulenken. Aber manchmal half es doch ganz gut, vor allem dann, wenn man dringend ein neues, schickes Yoga-Outfit brauchte, um damit ein T-Shirt und eine Schlabberhose zu ersetzen, die so ziemlich das Gegenteil von sexy waren.

Vier Stunden später und mit einem wunderbar anschmiegsamen rosa-grauen Yoga-Set in ihrer Sporttasche stieß Selma voller banger Erwartung die Tür zum Yoga Health Center auf. Nach einer Schrecksekunde, in der fast ihr Herz stehenblieb, erkannte sie, dass sie beinahe mit David zusammengestoßen war, der gerade sein Handy zuklappte. Er sah einfach zum Anbeißen aus, auch wenn er offenbar nicht vor Kurzem einen Shop für den trendigen Yoga-Mann geplündert hatte und ganz normale Sportkleidung trug. Doch Selma hatte noch nie ein männliches Wesen gesehen, das in einem schlichten weißen T-Shirt und schwarzen Jogginghosen dermaßen umwerfend aussah.

  »Hallo Selma. Ich kann leider nicht bleiben. Dringender Anruf aus der Firma. Aber sag mal, würdest du mir vielleicht erklären, was ich verpasst habe? Ich hole dich ab und lade dich auf einen Drink ein, wenn der Kurs vorbei ist. Bis dahin müsste ich alles erledigt haben.»

  Selma verfiel in Schockstarre, was leider häufig passierte, wenn die Dinge sich schneller entwickelten, als sie erwartete. War das nun gerade so etwas wie eine akustische Halluzination, oder hatte David sie tatsächlich eingeladen, mit ihm etwas trinken zu gehen?

  »Ich, äh … », und ein leichtes Quieken war war alles, was sie hervorbringen konnte.

  »Wenn es heute nicht passt oder du schon von jemandem abgeholt wirst, ist das natürlich kein Problem.»

  Ein Blick in Davids enttäuschte Miene brachte Selma endlich dazu, das „Außer-Betrieb-Schild“ vor ihren neuronalen Schaltkreisen zu entfernen.

  »Aber klar, David. Ich gehe gerne etwas mit dir trinken. Und ich pass auch extra auf, damit ich dir dann die richtigen Knoten in die Beine mache. Damit ich dir dann alles richtig erkläre, meine ich.»

  Oh Gott! Was für ein Unsinn! Aber David schien kein Problem damit zu haben. Das Lächeln, das er Selma schenkte, zeigte ungetrübte Freude.

Noch nie hatte Selma in Frau Wohhartinger-Minesheims Stunde eine derartig lausige Vorstellung gegeben. Während die Gruppe schon längst zu einer neuen Übung übergegangen war, hinkte Selma mit einem entrückten Lächeln auf den Lippen hoffnungslos hinterher.

  Ein dringender Anruf aus der Firma. Was das wohl bedeuten mochte?

Das konnte ja eigentlich nur heißen, dass David dringend jemanden mit einer Super-Luxuskarre irgendwohin chauffieren musste. Aber ließ sich das so schnell erledigen? Schließlich dauerte der Kurs nur 90 Minuten plus 30 Minuten fürs Duschen und Umziehen. Wie konnte er es schaffen, in dieser kurzen Zeit in einen chauffeurtauglichen Dress zu schlüpfen, anschließend einen Fahrgast wohin auch immer zu chauffieren und Selma trotzdem pünktlich abzuholen?

  Nach langem, gründlichen Nachdenken und vielen verpassten Instruktionen von Frau Wohhartinger-Minesheim war Selma zum Schluss gekommen, dass das nicht zu schaffen war. Sie war inzwischen so überzeugt davon, dass David unmöglich rechtzeitig vor der Türe des Yoga Health Centers stehen konnte, dass sie sich vor der Eingangstüre hektisch an ihre Sporttasche klammerte, die ihr offenbar jemand entreißen wollte.

  »Selma, alles o. k.? Ich wollte dir nur die Tasche abnehmen.»

  »David! Danke und sorry, ich habe gar nicht mit dir gerechnet!»

  »Warum nicht? War doch fix ausgemacht!»

  Keiner konnte so unglaublich liebenswert die Augenbrauen hochziehen, wie David. Selma fühlte sich so unendlich zu ihm hingezogen, dass sie wie schon beim ersten Blick in seine Augen am liebsten mit dem Finger den Bogen der dunklen, fast schwarzen Härchen nachgezogen hätte.

  »Es ist nur, der Verkehr, ist doch viel los. Du weißt schon … »

  Selma blickte auf die Straße, auf der jetzt um 9:00 Uhr abends gähnende Leere herrschte und fühlte, wie ihre Wangen sich mit einem brennenden Rot überzogen. Was für eine dämliche Bemerkung, aber sie konnte ihm doch unmöglich sagen, was sie sich in den letzten beiden Stunden so alles über sein Tun und Lassen zusammengereimt hatte.

  »Wir könnten noch eine Kleinigkeit essen gehen. Ich habe einen Bärenhunger», half ihr David aus der Verlegenheit.

  »Irgendetwas Unkompliziertes, denn wie du siehst, bin ich im Freizeitdress. Ich habe mich in der Firma schnell umgezogen, aber für mehr als Jeans und ein T-Shirt hat die Zeit nicht gereicht.»

  Seltsam. Müssen sehr lockere VIP-Fahrgäste gewesen sein, wenn sie einen Chauffeur in Jeans akzeptieren, überlegte Selma, während David ihre Tasche auf den Rücksitz eines wirklich beachtlichen Wagens verstaute.

  »Sieht aus wie ein protziger Angeberschlitten, ist aber nicht meiner, sondern ein Firmenauto», beeilte sich David beim Einsteigen zu erklären. »Ich arbeite im Transportwesen, da muss man die Kunden manchmal ein bisschen beeindrucken.»

  Transportwesen. So nennt er das also, wenn man seine Brötchen als Chauffeur verdient! Selma war ein wenig enttäuscht, dass David um den heißen Brei herumredete, wenn es um seine Arbeit ging. Wirkte sie auf ihn vielleicht wie jemand, der auf Menschen herabsah, bloß weil sie keinen Bürojob mit irgendeinem Angebertitel wie „Head of Ich-bin-überaus-wichtig“ hatten? Aber o. k. das war vielleicht nur eine kleine Unsicherheit. Schließlich kannten sie sich kaum. Sie sollte da lieber etwas großzügig sein und ihm einfach zeigen, dass sich für ihn als Menschen und nicht als Mr. Wichtig interessierte.

  »Wenn du Lust hast, fahren wir in meine Lieblingscrêperie. Der Chef stammt aus Marseille und macht unglaublich leckere Crêpes.»

  Selma konnte nur nicken. Hier am Beifahrersitz neben David zu sitzen, der den PS-starken Motor gekonnt auf Touren brachte, war einfach überwältigend. Alles in diesem Auto roch so unglaublich gut: Sie erschnupperte teures Leder, einen angenehmen zitronenartigen Duft, der von den Fußmatten aufstieg und Davids Aftershave, das irgendwie holzig, kräftig und zugleich beruhigend roch. Selma kuschelte sich in die weichen Ledersitze und fühlte sich rundum geborgen. Noch nie hatte sie sich bei einem Mann so aufgehoben und in Sicherheit gefühlt. Plötzlich hatte sie das Gefühl, David schon ewig zu kennen. Doch ein Geheimnis gab es noch, und sie war fest entschlossen, es zu lüften: Was um alles in der Welt brachte einen Mann wie David dazu, sich bei einem Yogakurs anzumelden, bei dem er sich ziemlich sein konnte, der einzige Mann unter lauter weiblichen Teilnehmern zu sein?

Doch dieser Vorsatz blieb fürs Erste vergessen. Denn vor dem Aussteigen wollte Selma David noch unbedingt die Yogastellung der Ein-Bein-Hocke demonstrieren, die heute auf dem Kursplan stand. Auch bei XL-Komfort-Autositzen in Echt-Leder-Ausstattung keine einfache Sache. Kichernd hatte Selma ihre Beine in die richtige Position gefaltet und war prompt in Richtung Fahrerseite gekippt, wo David sie mit einem kräftigen Griff davor bewahrte, aufs Lenkrad zu fallen.

  Und genau in diesem Moment, in dem David seine Hände um ihre Oberarme legte, schien die Zeit plötzlich stillzustehen. Die Schmetterlinge, die zuvor nur in ihrem Bauch ihre Flügel ausbreiteten, hatten sich offenbar auf die Reise gemacht und waren via Sonnengeflecht in Selmas Brust geflattert. Oder war das vielleicht ihr Herz, das wie verrückt schlug? Selma wusste es nicht. Sie war vollauf damit beschäftigt, in Davids braune Augen zu versinken.

  Noch ganz verzaubert von diesem besonderen Augenblick löste sich Selma schließlich aus Davids Umarmungs-Rettungsgriff. Es schien ihr, als hätte sie minutenlang in seinen Armen gelegen, dabei konnten höchstens wenige Sekunden vergangen sein.

  »O.k., ich glaube, du brauchst erst mal was zu essen, dann klappt es bestimmt besser mit der Ein-Bein-Hocke!» David lächelte, während er Selma, die mittlerweile erfolgreich ihre Beine entknotet hatte, die Beifahrertür aufhielt. Und dieses Lächeln war so zärtlich, dass die Schmetterlinge, die sich gerade alle wieder in ihrem Bauch versammelt hatten, erneut auf die Reise gingen. Selma fühlte sich, als hätte sie gerade zwei Gläser Champagner auf Ex getrunken und bekam kaum mit, dass David sie zu einer wunderschönen Gartenterrasse eines kleinen Bistrots geführt hatte. „Le Paradis“ stand auf einem schwarzen Messingschild, das dezent über dem Eingang hing.

  »Wenn ich mal in den Himmel komme, dann soll es bitte so aussehen wie hier!», seufzte Selma, während sie sich an einem kleinen Tisch unter einer von Weinlaub umrankten Terrasse niederließen.

  Auch das Essen war schlichtweg paradiesisch. David, der den Besitzer Claude persönlich zu kennen schien, hatte eine Auswahl von Crêpes bestellt, die einfach himmlisch schmeckten.

  »Die sind unglaublich gut. Hast du in Frankreich jemals so gute Crêpes gegessen?», fragte Selma und hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Sie wusste, dass David in Frankreich gelebt hatte, aber natürlich durfte er nicht wissen, dass sie es wusste.

  »Ich finde sie auch unschlagbar, aber ehrlich gesagt, habe ich in Frankreich noch gar nicht so oft welche gegessen.»

  Ups, das war offenbar noch mal gut gegangen. Aber warum gibt er nicht zu, dass er die französische Küche kennt? Wer ein Jahr in Frankreich lebt, geht ja wohl nicht ständig nur zu Burger King, rätselte Selma. Doch ein Blick in Davids Gesicht, der sie so zärtlich und verlangend ansah, reichte, um in Windeseile alle Gedanken, die mit Lizzys Recherchen zu tun hatten, aus ihrem Kopf zu verbannen.

  Und irgendwie kam das Thema auch gar nicht mehr zur Sprache. Es gab so vieles, über das sie reden und lachen konnten. Selma konnte sich nicht erinnern, wann sie sich zum letzten Mal so wunderbar mit einem Mann unterhalten hatte. Erst jetzt fiel ihr auf, dass es eigentlich immer die Männer waren, die sich in ihrer Gegenwart so richtig gut amüsiert hatten. Selma sah sich selbst als gute Zuhörerin, als jemand, der andere dazu bringen konnte, sich wohlzufühlen und aus sich herauszugehen. Das stimmte auch, doch bis jetzt war ihr nie klar geworden, wie sehr diese Gabe von ihren früheren Partnern auch ausgenutzt worden war. Lothar konnte stundenlang in allen Details davon erzählen, wie schwierig es war, wenn man als vegan lebender Mensch keine Kompromisse eingehen wollte. Michael hatte ihr immer wieder in aller Ausführlichkeit seine Grabenkämpfe mit einem ständig nörgelnden Dozenten geschildert. Und auch bei allen anderen Dates, an die sie sich erinnern konnte, war es eigentlich nie sie, die blendend gelaunt am Tisch saß.

  David war anders. Er erzählte gerne, etwa von einem Segeltörn in Griechenland, den er mit seinen Kumpels plante. Aber er konnte auch wunderbar zuhören. Und Selma spürte ganz genau, dass es kein aufgesetztes Interesse war, sondern dass er wirklich wissen wollte, was sie für ein Mensch war und was in ihr vorging.

  Und er war hilfsbereit. Auch in dieser Hinsicht war Selma von den Männern in ihrem Leben bislang nicht verwöhnt worden. Sie hatte David erzählt, wie sehr sie das Ölporträt ihrer Großmutter Astrid liebte. Es stand, nachdem es ihr ihre Großmutter vermacht hatte, nun schon seit zwei Jahren auf einer Kommode in ihrem Schlafzimmer. Doch leider hatte Selma keine Ahnung, wie man so ein schweres Bild richtig aufhängt. Einen Nagel in die Wand zu hämmern, reichte wohl nicht, und sie wollte auf keinen Fall riskieren, dass es herunterfiel. David wusste sofort eine Lösung für das Problem und bot ihr an, das Bild am nächsten Abend aufzuhängen. Selma hätte ihm auch ohne Werkzeugkoffer mit Freuden ihre Wohnungstüre geöffnet. Und sie schätze, dass er das auch wusste. Aber trotzdem: Abgesehen von ihrem Bruder Friedrich mit seinen zwei linken Händen hatte noch nie ein Mann einen Hammer oder sonst ein Werkzeug für sie in die Hand genommen. Zumindest nicht, ohne ihr anschließend eine Rechnung zu schicken.

»Das ist wirklich nett von dir, dass du das Bild für mich aufhängen willst. Ich revanchiere mich auch mit einem Abendessen», erklärte Selma, als David sie nach drei wunderbaren Stunden im „Paradis“ nach Hause fuhr und bis zur Tür ihrer kleinen Gartenwohnung begleitete.

  »Ich würde noch ganz andere Dinge für dich tun, Selma!»

  Seine Stimme, die plötzlich ganz rau klang, jagte kleine wohlige Schauer über Selmas Rücken. David strich ihr zärtlich über das Haar und schob mit sanften Fingern eine Strähne, die sich aus ihrem Haarknoten gelöst hatte, hinter ihr Ohr. Und wieder, wie schon vor ein paar Stunden zuvor im Wagen, schien die Zeit plötzlich stillzustehen, als David mit der Daumenkuppe die Konturen ihrer Lippen nachzog.

  »Das wollte ich schon tun, als ich dich das allererste Mal sah!»

  »Und das natürlich auch.» Seine Lippen streiften Selmas so hauchzart wie die Flügel der Schmetterlinge in ihrem Bauch, die gerade wieder damit begannen, auf Wanderschaft zu gehen.

  »Und das wollte ich tun, seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe.»

  Sanft fuhr Selma mit ihrem Zeigefinger den Bogen von Davids Augenbrauen nach. In ihrer Fingerspitze kribbelte es, als sie die überraschend weichen Härchen berührte.

  Und dann küsste David sie, wie Selma noch niemals zuvor in ihrem Leben geküsst worden war. Seine Lippen schmeckten süß wie Karamell. Selma erlebte Gefühle, von denen sie bislang nicht einmal gewusst hatte, dass es sie gab. Es war, als würden die Grenzen ihres Körpers plötzlich verschwimmen, als hätte sich eine vierte Dimension geöffnet, ein magischer Raum, eine neue Welt.

KAPITEL 3

Mit der Zubereitung von Steaks hatte Selma nicht viel Erfahrung. Aber da David laut Lizzys Recherchen offenbar gerne in Steakhäuser ging, musste natürlich ein Steak auf den Tisch, außen knusprig und innen schön saftig und zart.

  Blutige Steaks waren eigentlich gar nicht ihr Dinge, aber für David hätte sie in ihrem momentanen Zustand womöglich sogar selbst eine Kuh geschlachtet. In ihrer kleinen, in einem fröhlichen Sonnengelb gestrichenen Küche war schon alles vorbereitet. Die Bratkartoffeln, die Zwiebelringe, ein leckerer Salat mit Frühlingskräutern. Im Kühlschrank warteten zwei riesige wunderschön marmorierte und sündhaft teure Steaks.

  Noch zehn Minuten bis zur verabredeten Zeit. Selma sauste ins Bad, um noch mal schnell ihre sorgfältig enthaarten Beine und den Sitz ihres neuen, fürchterlich kneifenden String-Tangas zu kontrollieren. Während sie ein wenig Lipgloss auftupfte, klingelte es an der Tür und Selma bekam plötzlich weiche Knie.

  Als sie durch den kleinen Flur hastete, hatte sie das Gefühl, wie auf Watte zu gehen. Und da stand er auch schon. Mit einem Werkzeugkasten in der einen und einem prächtigen Strauß Frühlingsblumen in der anderen Hand. Schüchtern und etwas verlegen lächelte David Selma an.

  »Ich dachte, ich nehme gleich den Werkzeugkoffer mit. Ich wusste ja nicht, was du im Haus hast. Und ich dachte, du freust dich vielleicht über ein paar Blumen.»

  »Danke David. Die sind wunderschön! Und der Werkzeugkoffer natürlich auch. Stell ihn einfach in Diele.»

  Mist! Was für ein Unsinn! Was sollte David bloß von ihr denken! Selma war so durcheinander, dass sie in die Küche flüchtete, um sich erst mal zu sammeln, während sie versuchte, eine Vase aus dem obersten Bord ihrer weiß lackierten Anrichte zu angeln.

  »Lass mich das machen!» Davids lange, muskulöse Arme holten mühelos die Porzellanvase mit dem hübschen Vogeldekor, ein Geschenk ihrer Mutter, aus dem Regal und stellten sie auf die Anrichte. Als ihre Hände sich dabei berührten, schien es Selma, als würden kleine elektrostatische Aufladungen zwischen ihren Körpern hin und her flitzen. Innerhalb von Sekunden zog sie die magische Anziehungskraft, die sie vom ersten Moment an zwischen ihnen gespürt hatte, wieder vollständig in ihren Bann. Und wieder stand die Zeit still, während David sie ganz fest in seine Arme zog.

  Erst zwei Stunden später fing die Welt wieder damit an, sich weiterzudrehen. Während sich Selma eng an David kuschelte, erkannte sie, dass sie sich noch niemals zuvor so sehr nach dem Körper eines Mannes gesehnt hatte. Es war wie ein verzehrendes Hungergefühl, dessen erste nagende Stiche sie bereits bei ihrer ersten gemeinsamen Yogastunde mit David verspürt hatte.

  Jetzt fühlte sie sich satt. Ja, satt war das richtige Wort. Und so glücklich wie noch niemals zuvor in ihrem Leben.

  »Selma, das war wunderschön. Ich glaube, dass es noch nie mit einer Frau so schön war, wie mit dir.»

  »Ich glaube, du kannst Gedanken lesen. Mit geht es genauso!»

  »Wirklich, du warst noch nie mit einer Frau so glücklich, wie mit mir?»

  »Aber nein, ich meinte. Du weißt schon, mit einem anderen Mann natürlich …  »

Selma ließ sich leicht veräppeln, was David ungeheuren Spaß zu machen schien.

  »Ach Selma, ich will dich doch nur ein wenig necken. Du bist so wunderschön, wenn du rot wirst!»

  Plötzlich verschwand das freche Grinsen aus seinem Gesicht. Sein Blick wurde ganz weich. In seinen Augen standen unendlich viel Liebe und Zärtlichkeit. Und auch Selma spürte, dass gerade etwas ganz Besonderes zwischen ihnen beiden passierte. Etwas, das über die Tatsache, dass sie miteinander ins Bett gegangen waren, weit hinausging.

  Es war ein intuitives Verstehen, ein Gefühl, eins zu sein, so als wäre etwas in ihrem Inneren plötzlich heil und ganz, das vorher in scharfkantige Stücke zerbrochen war. Selma hatte mit dem Begriff „wahre Liebe“ nie etwas anfangen können, doch jetzt fühlte es sich so an, als hätte sie genau das gefunden. Und nach einem Blick in Davids liebevollen Augen wusste sie, dass er genauso empfand.

»Ich habe einen Bärenhunger. Du wolltest mich doch eigentlich zum Essen einladen. Und dabei war ich gerade einmal ganze fünf Sekunden in deiner Küche!»

  »Dann wird es höchste Zeit für die Raubtierfütterung. Ich brate uns ein paar Steaks.»

  »Klingt verlockend. Ist schon ewig her, seit ich das letzte Mal ein gutes Steak gegessen habe. Ich mag sie gerne blutig.»

  Und die vielen Besuche im Steakhaus? Mir kannst du nichts vormachen!, dachte Selma. Warum sollte ein Mann nicht zugeben, dass er gerne große Mengen möglichst blutiger Steaks verschlang? Das war eben so. Hatte vielleicht etwas mit der Evolution zu tun. Je größer das Mammutsteak war, das der Steinzeit-Macho nach Hause schleppen konnte, desto besser standen wahrscheinlich seine Chancen, im Bett seiner Liebsten zu landen. Aber vielleicht wollte David sie einfach nicht unter Druck setzen, damit sie nicht das Gefühl hatte, mit dem Küchenchef eines Steakhauses mithalten zu müssen.

  Während Selma die Steaks aus dem Kühlschrank holte, montierte David fachmännisch Großmutter Astrid über der Schlafzimmerkommode.

  Das Bild schien ihn zu faszinieren und so erzählte ihm Selma, als sie beim Essen saßen, ein bisschen mehr darüber.

  »Meine Großmutter Astrid hat mir viel über das Bild erzählt. Er wurde in Frankreich gemalt, in den 1930er Jahren, aber noch vor dem Krieg. Meine Oma war etwas zart, und da unsere Familie damals mehr Geld hatte als heute, schickte man sie im Winter mit ihrer Mutter zur Erholung nach Nizza. Das war damals offenbar so üblich. Zu der Zeit lebten viele Maler in dieser Gegend. Und da meine Großmutter verlobt war, ließ sie sich von einem dieser Künstler porträtieren. Sie wollte Olof, so hieß mein Großvater, damit eine Freude machen. Als sie starb, hat sie mir das Bild vermacht.»

  »Du siehst deiner Großmutter sehr ähnlich. Wahrscheinlich gefällt mir das Bild deswegen so gut», warf David ein, während er mit gesundem Appetit ein großes Stück von seinem blutigen Steak absäbelte.

  Für Selma war das das schönste Kompliment, das sie jemals bekommen hatte.

  Der Maler hatte ein wunderbares Porträt geschaffen. Durch das helle Licht des französischen Südens, das sich auf dem Gesicht ihrer damals noch so jungen Großmutter spiegelte, schien auch ihre Seele zu leuchten. Die Pinselstriche zeigten nicht nur eine wirklich gutaussehende Frau mit strahlend blauen Augen, einem schmalen Gesicht, vollen sinnlichen Lippen und unbändigem, weizenblondem Haar. Da war noch mehr. Lebendigkeit, Neugier, Herzlichkeit und ein leicht amüsierter Blick, so als würde sie sagen: »Nehmt nicht alles so schwer und ernst, dafür ist die Welt einfach zu schön!»

  »Weißt du, von welchem Maler das Bild stammt?», fragte David, der mittlerweile damit begonnen hatte, den Tisch abzuräumen, was Selma mit großer Erleichterung zur Kenntnis genommen hatte. Sie hatte zwar nichts dagegen, ab und zu das Hausmütterchen zu spielen, aber eben nur dann, wenn sie Lust dazu hatte und nicht, weil es automatisch von ihr erwartet wurde.

  »Nein. Keine Ahnung. Die Signatur sieht aus wie ein Kürzel. Aber den Namen des Künstlers kennen wir nicht.»

  »Wer weiß, vielleicht einer der bekannten späten Impressionisten», vermutete David. »Das Bild ist meisterhaft. Vielleicht solltest du es mal schätzen lassen. Und es gut versichern.»

  Das Bild versichern lassen? Daran hatte Selma noch gar nicht gedacht. Oh Gott, wenn es wirklich etwas wert war, bedeutete das, dass es womöglich jemand stehlen könnte! Bei diesem Gedanken wurde ihr ganz flau im Magen. Geld bedeutete ihr nicht besonders viel. Den finanziellen Verlust könnte sie verschmerzen. Aber das Bild nicht mehr zu besitzen und es jeden Tag betrachten zu können, würde sie unendlich traurig machen.

  Manchmal unterhielt sich Selma sogar mit ihrer Großmutter. Wenn sie etwas wirklich tief bewegte, fand sie sich oft vor der Kommode wieder und ertappte sich dabei, wie sie der jungen Frau auf dem Bild Dinge erzählte, die sie noch nicht einmal Lizzy anvertraut hätte. Und sie konnte schwören, dass der Blick ihrer Oma in diesen Momenten besonders wach und aufmerksam war.

  »Mach dir nicht zu viel Sorgen», riss David sie aus ihren trüben Gedanken. »Ich kenne jemanden, der das Bild für dich schätzen und richtig versichern kann. Ein Schulfreund von mir arbeitet in einem Auktionshaus. Wenn du möchtest, kann ich es ihm zeigen.»

  »Das ist eine tolle Idee!» Selma sprang auf. Doch David reagierte blitzschnell. Bevor sie sich auf die Suche nach einem Laken machen konnte, um das Bild sorgfältig darin einzuwickeln, zog er sie sanft aber bestimmt auf seinen Schoß.

  »Nicht so schnell. Das kann warten, bis ich mit meinem Kumpel gesprochen habe. Erst kommt die Nachspeise» murmelte David, während er damit begann, zärtlich an ihrem Ohrläppchen zu knabbern.

  »Lass mich auch mal probieren», schnurrte Selma. »Aber nach dem Nachtisch musst du mir endlich meine Frage beantworten.»

  »Welche Frage?», wollte David wissen, während er seine Zunge von Selmas Ohrläppchen zu ihrem Nacken wandern lies.

  »Du weißt schon, die Sache mit dem Yogakurs.»

  »O.k., das werde ich. Aber du weißt schon, dass ich dir jetzt alles versprechen würde? Dass ich dir den Mond vom Himmel hole und alle Sterne dazu und … » Weiter kam er nicht mit seinen Versprechungen. Als Selma ihn zu küssen begann, blieb David ganz einfach die Luft weg. Jetzt sprachen nur mehr ihre beiden Körper, und die verstanden sich offenbar völlig ohne Worte.

»Eine Pokerwette! Du musst zum Yogakurs, weil du eine Pokerwette verloren hast?»

  Selma war so verblüfft, dass sie fast aus der Hängematte kippte, die in ihrer kleinen Gartenoase sacht zwischen zwei Apfelbäumen schaukelte. David durfte mitschaukeln. Vor Jahren hatte Selma hoffnungsvoll eine breite Zwei-Personen-Matte gekauft. Allerdings hatte sie sie bis jetzt erst einmal im Doppelpack benutzt. Mit Michael, der es in dem gemütlichen Teil gerade einmal fünf Minuten ausgehalten hatte, bevor er heraussprang, weil sein Handy klingelte und er irgendetwas von einem dringenden Termin murmelte. Wahrscheinlich war es ein Termin mit seiner überfürsorglichen Mutter, was Selma mittlerweile herzlich egal war. Denn mit David die fröhlich orangerote Hängematte zu teilen, war einfach himmlisch. Er schien das Schaukeln genauso zu mögen wie sie. Ohne Stress, einfach daliegen, die laue Luft und einen faulen Samstagvormittag genießend.

  Doch jetzt war ihr mehr nach Kichern als nach gemütlichem Schaukeln zumute. Gestern hatte David einfach keine Zeit mehr gefunden, um endlich ihre Frage zu beantworten beziehungsweise war die Zeit wieder mal genau so schön wie beim ersten Mal stehengeblieben. Doch jetzt rückte er endlich mit seiner Geschichte heraus.

  »Ich spiele mindestens einmal im Monat eine Runde Poker. Mit drei Kumpels, die ich sehr mag. Du musst sie unbedingt einmal kennenlernen. Wir pokern nicht um hohe Einsätze, mehr zum Spaß. Aber irgendwann wollten wir doch mal was Aufregenderes wagen. Und nach ein paar Bierchen hatte Joe diese verrückte Idee, wir könnten ein Turnier spielen, bei dem die drei Verlierer etwas tun müssen, was ihnen absolut gegen den Strich geht.»

  »Um das war ein Yogakurs? Ich hatte zwar nicht verstanden, warum man sich das als einziger Mann unter lauter Frauen antut. Aber ich hatte auch das Gefühl, dass du ganz gerne dort bist.»

  »Naja, dass ich gerne dort war, stimmt schon», fuhr David fort, während er mit seinen Fingern an den Fransen der Hängematte herumnestelte.

  »Aber eigentlich nur deshalb, weil ich mich gleich in der ersten Stunde in dich verguckt hatte. Da wurde mir der Rest irgendwie egal. Es war einfach schön da neben dir auf der Matte. Ich hab jede Sekunde genossen. Aber ohne dich wäre es ganz schön hart gewesen. Als Mann so ganz alleine unter Frauen.»

  »Und was ist mit deinen beiden anderen Kumpels, die auch verloren haben. Was mussten die machen? Zu einer Babyparty gehen oder sich vielleicht zwei Stunden in das Wartezimmer von einem Gynäkologen setzen. Oder in die Apotheke gehen und Tampons kaufen?»

  Selma amüsierte sich köstlich, als sie Davids panischen Gesichtsausdruck sah.

  »Auf diese Idee ist zum Glück keiner gekommen. Jeder von uns konnte irgendso ein typisches Frauending vorschlagen, Kurse eben, zu denen meistens nur Frauen hingehen. Dann haben wir ausgelost, wer wo antreten muss, falls er verliert. Außer dem Yoga-Anfängerkurs gab´s noch Aqua-Gymnastik. Da muss jetzt Heinz hin. Und so was wie kreatives Töpfern an der Volkshochschule. Das hat Karim am Hals.»

  »Und Joe?», fragte Selma, die sich ihrer Hängematte noch nie so blendend unterhalten hatte.

  »Naja, Joe hat das Turnier gewonnen. Hätte er verloren, müsste er zum Blumensteckkurs. Aber so braucht er gar nichts zu tun, außer sich über uns zu amüsieren! »

  »Und wie läuft es bis jetzt für deine Kumpels?»

  »Ich glaube, für Heinz ist es am schwersten. Wenn du ihn kennenlernst, wirst du gleich wissen, warum. Er passt zu einer im Wasser hüpfenden Frauenrunde ungefähr so gut wie ein Karpfen zu ein paar kleinen Goldfischen. Außerdem ist er verheiratet, und seine Frau scheint es nicht so gut zu finden, dass er als einziger Mann mit zehn anderen Frauen in einem Pool herumplanscht.»

  »Und Karim?»

  »Der findet es wunderbar. Zuerst hat er sich furchtbar geschämt. Würde mich nicht wundern, wenn er da mit Basecup und Sonnenbrille aufgetaucht wäre. Er ist eine gute Seele, aber eben auch ein richtiger Macho, wie ihr Frauen sagen würdet. Aber dann hat er rausgefunden, dass es ihm Spaß macht.»

  »Das Töpfern macht ihm Spaß?»

  »Naja, nicht direkt das Töpfern», erklärte David, der wieder damit begonnen hatte, die Fransen der Hängematte mit seinen Fingern zu zwirbeln.

  »So wie es aussieht, ist das eine prima Methode, um mit Frauen auszugehen», fuhr er fort, während er versucht, Selmas hochgezogene Augenbrauen zu ignorieren.

  Das konnte sich Selma nur zu lebhaft vorstellen, während sie an all die Frauen in ihren niedlichen Yoga-Outfits dachte und die einladenden Blicke, die einige von ihnen David zugeworfen hatten. Ob da wohl irgendetwas gelaufen war? Selma fühlte, wie sich ein nagendes, unangenehmes Gefühl in ihr ausbreitete.

  »Selma, ich weiß, was dir jetzt im Kopf herumgeht», sagte David, während er damit begann, zärtlich ihr Zehen zu massieren. »Aber wenn ich an den Yogakurs denke, dann denke ich nur an dich. Außerdem muss ich da jetzt eben durch, auch wenn ich lieber ganz allein mit dir Hängematten-Yoga machen würde.»

  »Dann lass den Kurs doch einfach sausen!»

  »Aber nein, Spielschulden sind doch Ehrenschulden. Die muss man begleichen. Außer es kommt wirklich mal ein Notfall dazwischen so wie letzten Montag. Aber gemeinsam mit dir schaffe ich die restlichen paar Stunden auch noch. Du wirst mich doch nicht im Stich lassen?»

  »Nein! Ich lass dich nicht im Stich. Das heißt, ich wüsste da eine kleine Gegenleistung. Würdest du morgen zum Essen kommen?»

   »Ich glaube nicht, dass mich das allzu viel Überwindung kosten wird», meinte David, der sich mittlerweile mit sanften Bewegungen bis zu Selmas Kniekehlen vorgearbeitet hatte.

  »Vielleicht doch, meine Familie kommt nämlich auch. Aber es wäre toll, wenn du dabei wärst, einfach, weil es so schön ist, wenn du da bist!»

Selma hatte lange überlegt, ob es in ihrer frischen Beziehung nicht viel zu früh war, um gleich die ganze Familie auf David loszulassen. Aber zum einen stimmte es, was sie ihm gerade gesagt hatte. Sie genoss einfach jede Sekunde, die sie mit ihm verbringen konnte. Und zum anderen wollte sie auch gerne sehen, wie er mit ihrer Familie zurechtkam.

  Die Gegenwart von Isabell war nicht immer einfach zu ertragen, trotzdem liebte sie sie von Herzen, ebenso wie ihren Bruder und ihre Mutter. Doch wenn sie in der Vergangenheit einen ihrer Freunde zu einem Familienessen mitnahm, hatte das leider nie besonders gut geklappt. Auch wenn keiner es aussprach, bekam Selma doch mit, dass sie ihre Mutter für reichlich schrullig hielten und sich insgeheim über sie lustig machten. Und mit Friedrich wurde ohnehin keiner so richtig warm. Er war ein ausgezeichneter Mathematiker, der als Lehrer die Studenten, die er an der Hochschule unterrichtete, richtig begeistern konnte, aber im normalen Leben kam er oft nicht so gut zurecht. Er wirkte dann abweisend und unnahbar, obwohl er, wie Selma wusste, einfach gerade in anderen Sphären schwebte und sich mit irgendeinem mathematischen Problem herumschlug.

  Vielleicht wurde es ja auch für David ein bisschen einfacher, aus sich herauszugehen, wenn er sah, dass sie keinesfalls nur von perfekten Menschen umgeben war. Seine Bemerkung, er müsse gegen Abend noch mal in die Firma, da sei es momentan gerade wieder etwas hektisch, hatte Selma geschmerzt. Warum konnte er nicht einfach zugeben, dass man als Fahrer auch mal Abend- oder Nachtschichten machen musste? Sein Job war ihr herzlich egal, eine Einstellung, die sich innerhalb weniger Tage gründlich ändern sollte.

KAPITEL 4

Das Familienessen verlief erstaunlich entspannt. Bevor David kam, konnte Selma ihre Mutter, Friedrich und Isabell noch rechtzeitig instruieren, nicht nachzubohren, welchen Job ihr neuer Freund hatte. Sie wollte nicht, dass David sich irgendwelche Ausflüchte zusammenreimen musste, solange er mit dem Thema nicht richtig klarkam.

  Und erstaunlicherweise hatten sich alle daran gehalten. Sogar Isabell, obwohl sie sich natürlich eine spitze Bemerkung über Karriereaussichten von „Menschen im Fahrgewerbe“, wie sie sich ausdrückte, nicht verkneifen konnte.

  Ihre Mutter war wie immer. Trotz ihrer Begeisterung für das britische Königshaus nahm sie Menschen meist einfach so an, wie sie nun mal waren, vorausgesetzt sie mochte sie. Und David mochte sie offensichtlich, auch wenn er in finanzieller Hinsicht kein perfekter Heiratskandidat zu sein schien. Er hatte noch nicht mal mit der Wimper gezuckt, als ihm Alma eine Viertelstunde lang von einer Gedenkmünze zu Ehren der Geburt von Prinz George erzählte, die sie unbedingt in ihren Besitz bringen wollte. David hatte den Vortrag tadellos überstanden und nur einmal, in einem unbeobachteten Moment, Selma freundlich zugezwinkert.

  Als David von einem lustigen Angelausflug nach Schottland erzählte, taute Alma so richtig auf, und zwar ohne Balmoral Castle, das schottische Zuhause der königlichen Familie, mit einem einzigen Wort zu erwähnen. Was Selma als gutes Zeichen deutete. Sie machte sich Sorgen über das übersteigerte Interesse ihrer Mutter am Privatleben der Royals. Insbesondere zu Queen Elizabeth, die ihr gut 20 Lebensjahre voraushatte, schien sie in letzter Zeit eine immer engere Bindung einzugehen. Alma war die einzige Frau, die Selma kannte, die es bewusst darauf anlegte, älter auszusehen, als sie war. Seit ihre hellen, kurz geschnittenen Haare immer grauer wurden und sie sie in kleine Dauerwellenlöckchen legen ließ, sah sie ihrem Idol tatsächlich, wenn auch nicht auf sehr schmeichelhafte Weise, immer ähnlicher. Zumindest hatte sie sich noch keine pastellfarbenen Kostüme zugelegt, doch Selma fürchtete sich schon vor dem Tag, an dem Alma einen Shop entdeckte, der den königlichen Stil zu bürgerlichen Preisen anbot.

  Doch heute schien ihre Mutter einfach damit zufrieden zu sein, sich ganz im Hier und Jetzt ein Mittagessen mit Normalsterblichen zu teilen. Auch Friedrich wurde für seine Verhältnisse richtiggehend lebhaft, als er entdeckte, dass David ein Fan von Lee Child war. Ein Autor, den er zutiefst verehrte und mit dessen Thrillern Selma nicht das Geringste anfangen konnte.

  Sogar Isabell, die ihre blutrot lackierten Krallen immer wieder besitzergreifend auf Davids Arm legte, schien sich gut zu unterhalten. Als Selma erwähnte, dass David ihr geraten hatte, das Bild ihrer Großmutter schätzen zu lassen, wurde sie sogar ausgesprochen lebhaft. Hätte Selma gewusst, was gerade in ihrer Schwester vorging, hätte sie wohl nicht so zufrieden in die Runde gelächelt.

  Doch während sie ihre selbst gemachte Zitronenmousse servierte, ahnte Selma nicht das Geringste von dem Unglück, das sich gerade in Isabells Kopf zusammenbraute. Sie war einfach glücklich und mit sich und der Welt im Einklang. Alles lief wunderbar. Gemeinsam mit David schien alles leicht und einfach. Keine peinlichen Gesprächspausen, in denen sie krampfhaft nach Gesprächsstoff suchte, während Friedrich und Isabell verbissen ihr Essen in sich hineinschaufelten, keine hochgezogenen Augenbrauen, wenn ihre Mutter mal wieder einen kleinen Schwank über ihre Jagd nach Andenken zum Besten gab und keine begehrlichen Blicke ihrer Freunde auf Isabell, die die Männer anlockte wie Sirup die Fliegen. Auch bei David hatte sie wieder ihre kleine Show abgezogen und mit ihren perfekt getuschten Wimpern geklimperte, während sie sich eine Strähne ihres langen seidigen Haares um den Finger wickelte. Selma hatte schon aufgehört zu zählen, wie oft ein »Ooh, aah, wirklich David …»  aus ihrem Mund kam. Doch an David schienen ihre weiblichen Reize einfach abzuprallen wie Wassertropfen von einer Teflonpfanne.

  Dabei konnte Selma ihre Schwester sogar verstehen. David sah einfach zum Anbeißen aus. Statt des T-Shirts trug er ein sonntagsfeines, weißes Baumwollhemd und ein edles und gleichzeitig lässig wirkendes dunkelgraues Jackett, das verdächtig nach einem Designer aussah, den Selma zwar für toll, aber auch für ziemlich unerschwinglich hielt. Schon seltsam, wie konnte sich jemand mit einem Job, der wahrscheinlich nicht so wahnsinnig toll bezahlt wurde, solche Klamotten leisten? Wahrscheinlich muss er so etwas ab und zu als Arbeitsdress tragen, räumte Selma ihre Zweifel beiseite. Und schließlich interessierte sie ja auch weniger Davids Outfit, sondern vielmehr das, was sich darunter verbarg. Selma hatte sich noch nie körperlich dermaßen zu einem Mann hingezogen gefühlt. Dieses heftige Begehren war für sie ein unglaubliches Geschenk, gleichzeitig aber auch etwas, dessen Intensität sie erschreckte. Im Vergleich dazu fühlte sich alles, was sich bisher zwischen ihr und anderen Männern abgespielt hatte, irgendwie bedeutungslos an, so als würde man über Sex lediglich in einem Buch nachlesen, statt ihn selbst hautnah zu erleben.

  »Was läuft da eigentlich zwischen deiner Schwester und dir?», riss David sie aus ihren Gedanken. Nachdem ihre Familie aufgebrochen war, hatten sie es sich mit einem Espresso auf der Couch ihres mit hellen Rattanmöbeln und wuchernden Grünpflanzen eingerichteten Wohnzimmers bequem gemacht.

  »Das weiß ich selbst nicht so genau», antwortete Selma. »Als Kinder haben wir uns sehr gut verstanden. Isabell war immer meine große Schwester, die für mich da war und die ich bewundert habe. Aber seit der Scheidung meiner Eltern klappt es manchmal nicht mehr so gut zwischen uns. Sie hat sich verändert, so als hätte das Unglück meiner Mutter irgendwie auf sie abgefärbt.»

  »Das muss schwer für dich sein», meinte David.

  Für diese Antwort hätte ihn Selma küssen können, was sie auch prompt tat. Kein »Das wird schon wieder» oder »Mach dir nichts draus!» David verstand offenbar, dass es wirklich schwer für sie war. Und allein das machte es schon ein wenig leichter.

KAPITEL 5

Bitte komm bei mir vorbei. Schnell. Ist wichtig!!!

  Selma blickte träge auf Lizzys SMS. Schnell irgendwohin zu rasen, war nun absolut nicht das, wonach ihr jetzt der Sinn stand. Nachdem David zu seinem Pokerabend aufgebrochen war – sie fragte lieber nicht nach, um welchen Einsatz sie gerade spielten – hatte sie sich mit ihrer Schmusedecke in ihren Lieblingssessel gekuschelt. Jetzt hörte sie sich gerade zum dritten Mal Wish You Were Here von Pink Floyd an und genoss das himmlische Gefühl, das sich immer dann einstellte, wenn sie an David dachte.

  Doch Lizzys Nachricht klang wirklich dringend. Vielleicht hatte sie ja wieder mal Ärger mit ihrem Freund Jan. Während der fünf Jahre, die die beiden schon zusammen waren, hatte es immer mal wieder Phasen gegeben, in denen Jan beschlossen hatte, er benötige jetzt Zeit für sich, eine Beziehungspause, um mal wieder den Kopf freizukriegen. Für Lizzy, die diese Zeit nicht benötigte, jedes Mal aufs Neue eine Katastrophe, in der sie dringend Selmas Beistand brauchte.

  Doch als Selma eine halbe Stunde später in der gemütlichen Altbauwohnung stand, die sich ihre Freundin mit einer Taxi fahrenden Langzeitstudentin und einer Austauschschülerin aus Paris teilte, sah es nicht so aus, als stünde Lizzy kurz davor, in Tränen auszubrechen.

  Doch irgendetwas machte ihr offenbar schwer zu schaffen, was Selma nicht nur an ihrem traurigen Blick erkannte, sondern auch an der bereits zu einem Viertel geleerten Flasche Limoncello, die auf dem Couchtisch in ihrem Zimmer stand. Sorgenbrecher, so nannten sie das süße, wunderbar nach Zitrone schmeckende Zeug, und Lizzy holte es meist nur dann hervor, wenn ihr etwas wirklich auf der Seele lag.

  »Na sag schon! Was ist los? Macht dir Jan wieder mal Kummer?»

  »Nein, das läuft gerade ganz gut», antwortete Lizzy, während sie in Ermangelung passender sauberer Gläser zwei Mokkatassen randvoll mit Limoncello anfüllte.

  Selma sah, dass Lizzys Hände leicht zitterten und dass sich hektische rote Flecken auf ihren Wangen ausbreiteten. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie unter Stress stand.

  »Es ist wegen David. Es tut mir so leid, aber ich muss dir unbedingt etwas über ihn erzählen. Du musst es einfach wissen.»

  Selma spürte, wie sich ein Knoten in ihrem Magen zusammenzog. Plötzlich fühlte sich die Luft in Lizzys gemütlich-chaotischem Wohn-Schlafzimmer stickig an und der Limoncello hinterließ einen schalen, fremden Geschmack in ihrem Mund.

  »Ich wollte doch nicht, dass du weiter in seinem Leben herumschnüffelst!», fuhr sie Lizzy heftig an.

  »Das habe ich doch auch nicht, das heißt, zumindest wollte ich dir nichts davon erzählen.» Lizzy, die ihre Mokkatasse fest umklammerte, suchte verzweifelte nach den richtigen Worten für etwas, von dem Selma nicht glaubte, dass sie es hören wollte.

  »Du erinnerst dich doch an Max, meinen Kumpel von der Uni, der jetzt bei Europol arbeitet. Er hatte für mich ein bisschen recherchiert, um rauszufinden, ob was vorliegt gegen David.»

  Ob gegen David etwas vorlag? Die Idee war so absurd, dass sich Selma ein Grinsen verbeißen musste.

  »Warum sollte gegen ihn etwas bei der Polizei vorliegen! Ein nicht bezahlter Strafzettel vielleicht? Hat er seinen Wagen im Halteverbot abgestellt? Nein, es ist bestimmt viel schlimmer! Er ist bei Rot über die Kreuzung gefahren», kicherte Selma, der allmählich der süße, aber doch ziemlich hochprozentige Limoncello die Sinne vernebelte. »Ich will es gar nicht wissen. Das geht mich nichts an und dich auch nicht!»

  »Ach Selma, wenn es nur das wäre! Aber es gab da mal eine Strafanzeige wegen Heiratsschwindels gegen ihn. Das muss ich dir doch sagen! Die Anzeige kam aus Frankreich und eine Kollegin von Max hat den Fall damals bearbeitet, weil David zu der Zeit schon wieder hier war. Er soll in Cannes einer Frau mehr als 50.000 Euro herausgelockt haben. Verurteilt hat man ihn nicht, weil die Anzeige wieder zurückgezogen wurde. Aber Max hat sich den Polizeibericht  angesehen. David hat einer Frau, einer Kunsthistorikern, vorgegaukelt, er wolle sie heiraten und anschließend mit ihr als Hochzeitsreise einen Luxustörn zu den Ägäischen Inseln machen. Nur müsse er vorher noch seine Jacht, die übrigens gar nicht existiert hat, auf Vordermann bringen. Und hat ihr weißgemacht, dass sein Geld gerade in einer Investition festhänge. Die arme Frau hat ihm also etwas geliehen, und dann noch mal was und noch mal ein Sümmchen. Bis alle ihre Ersparnisse weg waren. Sie war ja nicht gerade reich, nur eben gutgläubig. Bis sie endlich rausgekriegt hat, dass ihr Lover noch nicht mal ein Schiffspatent hat, war der schon über alle Berge.»

  Selma fühlte sich, als würde sie in einen bodenlosen Abgrund stürzen. Und plötzlich passte alles zusammen. Mit einer erschreckenden Klarheit erkannte sie, dass sie alle Ungereimtheiten in Davids Leben einfach ausgeblendet hatte: seine unbestimmten Antworten, wenn es um seinen Job ging, der Angeberschlitten, der angeblich ein Firmenauto ist, seine edlen Klamotten, die einfach nicht zu seinem Einkommen passten. Und der Yogakurs! Von wegen Pokerwette. Wie konnte sie nur so blind sein! Das war doch der älteste Trick der Welt. In einem Kurs, für den sich fast nur Frauen interessierten, konnte man doch prima neue Opfer finden! Naive Wesen wie sie, denen man die große, romantische Liebe vorgaukeln konnte! Und Großmutters Bild. Wie fasziniert er es angestarrt hatte, angeblich deshalb, weil es ihn an Selma erinnerte. Dabei hatte er sich wahrscheinlich nur den Kopf darüber zerbrochen, ob es wohl etwas wert war und wie er es am besten in die Finger bekam! Sein Wissen über französische Maler hatte er dann wohl bei der Kunsthistorikerin, die er so erfolgreich geschröpft hat, aufgeschnappt.

  Erst als Lizzy ihr ein Papiertaschentuch in die Hand drückte und ihr tröstend über den Arm stich, merkte Selma, dass heiße Tränen über ihr Gesicht liefen. So fühlte es sich also an, wenn einem jemand das Herz brach! Angesichts des tiefen Schmerzes, den sie empfand, kam ihr die Trennungen von Michael und Lothar plötzlich unbedeutet vor. Und sie erkannte, dass es damals nicht um den Verlust von Menschen gegangen war, die sie wirklich geliebt hatte.

  Doch da war noch etwas anders. Als ihre Kollegin ihr die Wahrheit über den treulosen Carl offenbarte, hatte Selma keine Sekunde an der Wahrheit ihrer Worte gezweifelt. Doch jetzt regten sich nagende Zweifel in ihr. So etwas wie ein Urvertrauen in David, das heftig gegen alle noch so offensichtlichen Tatsachen Widerstand leistete.

  »Es passt alles sehr gut zusammen, aber irgendwie passt es auch nicht. Das ist einfach nicht David», versuchte sie Lizzy ihre widersprüchlichen Gefühle zu erklären.

  »Aber genau das ist es doch, was einen erfolgreichen Heiratsschwindler ausmacht. Max hat mir erklärt, wie die ticken. Das sind oft hochintelligente Selbstdarsteller und Manipulierer. Sie sind perfekt darin, ihren Opfern Gefühle und Liebe vorzuspielen. Viele der Frauen, die darauf hereinfallen, sind klug. Die lassen sich normalerweise nicht so einfach reinlegen. Aber wenn du von einem Profi manipuliert wirst, dann zählen nur mehr die Gefühle und nicht der Verstand. Es tut mir so schrecklich leid, Selma! Ich wünschte, ich hätte dir das alles nie erzählen müssen.»

  Nach einer ersten Woge tiefsten Schmerzes hatte sich Selma wie betäubt gefühlt. Sie empfand schlicht und einfach gar nichts, so als hätte etwas in ihr alle unerträglichen Gefühle fürs Erste auf Eis gelegt, um sie erst dann wieder aufzutauen, wenn ihre Seele dazu bereit war. Doch offenbar galt das nicht für die Gefühlsregionen, die für Wut und Zorn zuständig waren. Denn plötzlich fühlte Selma einen unbändigen Groll in sich aufsteigen, etwas, das ihr die Luft zum Atmen nahm und sie wollte nur eines: David anbrüllen und dabei in sein wahres Gesicht sehen.

»Ich habe ein mulmiges Gefühl bei der Sache. Vielleicht sollte ich Max anrufen. Dann weiß wenigstens jemand, wo er nach uns suchen soll, falls wir spurlos verschwinden.»

  Auch Selma hatte Angst. Die Idee, sich in ein Taxi zu setzen und zu Davids Wohnung zu fahren, kam ihr plötzlich gar nicht so mehr gut vor wie noch vor einer halben Stunde. Und vielleicht war er ja gar nicht zu Hause. Mittlerweile war es fast Mitternacht und eigentlich müsste er von seinem Pokerabend wieder zurück sein. Oder vielleicht auch nicht. Wie lange dauerte es, eine Runde Poker zu spielen? Selma hatte nicht die geringste Ahnung. Vielleicht war David auch gar nicht mit seinen Kumpels zusammen. Wenn es stimmte, was ihr Lizzy heute Abend erzählt hatte, dann war ohnehin alles, was sie jemals von ihm erfahren hatte, eine einzige große Lüge.

  Aber sie musste ihn einfach sehen. Denn irgendetwas in ihr war von dem tiefen Schmerz über Davids falsches Spiel und der glühenden Wut, die sie jetzt antrieb, völlig unbeeindruckt geblieben. Und das war der wahre Grund dafür, dass sie jetzt mit Lizzy, die ihre Freundin unbedingt begleiten wollte, in diesem Taxi saß. Sie wusste, dass auch sie nicht davor gefeit war, Dinge zu glauben, die sie sich von ganzem Herzen wünschte. Aber dennoch war da ein Zweifel, als wüsste ihr Unterbewusstsein über etwas Bescheid, von dem Selma keine Ahnung hatte.

Die Fahrt zu Davids Wohnung hatte länger gedauert, als Selma erwartet hatte. In dem dreistöckigen, schon etwas in die Jahre gekommenen Wohnblock, in dem sein Appartment lag, brannte nur in wenigen Fenstern Licht. Selma und Lizzy schlüpften durch das Haustor, das gerade einer der Bewohner öffnete, neben ihm ein Schäferhund mit ergrauter Schnauze und einer, wie Selma vermutete, bereits etwas unzuverlässigen Harnblase.

  In Flur roch es schwach nach einem Reinigungsmittel, ein vage vertrauter Geruch, der Selma an die Waschräume ihrer Grundschule erinnerte. Schon im ersten Stock sprang ihr Davids Name ins Auge. Das Namensschild an der Tür wirkte provisorisch, so als sei der Mieter erst vor Kurzem eingezogen.

  Selma hatte Angst. Das von blanker Wut gespeiste Adrenalin, das ihren Körper mit rastloser Energie geflutet hatte, schien von einem Augenblick auf den anderen versiegt zu sein. Jetzt war da nur mehr ein diffuses Unbehagen vor einer Konfrontation, die nur schmerzlich und vielleicht auch demütigend sein könnte. Die Angst hinterließ ein unangenehm klebriges Gefühl auf ihren Handflächen.

  Wäre nicht Lizzy an ihrer Seite gewesen, hätte diese Angst Selma wahrscheinlich dazu gebracht, der mattweißen Tür mit der abgeschabten Kokos-Fußmatte den Rücken zu kehren und sich zurück in das Taxi zu flüchten, das auf die baldige Rückkehr seiner Fahrgäste wartete.

  Auch Lizzy wirkte angespannt. Die hektischen roten Flecken auf ihren Wangen waren verschwunden. Sie sah blass aus, als sie nach einem bestätigenden Nicken in Richtung Selma die Hand hob und den runden, altmodisch wirkenden Klingelknopf drückte.

  Zuerst passierte gar nichts. In Selma stieg ein Gefühl der Erleichterung auf, das jäh von Angstgefühlen erstickt wurde, als in der Wohnung plötzlich Geräusche zu hören waren. »Wer zum Teufel … », mehr konnte Selma nicht verstehen. Doch die Stimme gehörte eindeutig nicht David. Sie klang etwas höher und gepresster, hatte nicht das tiefe, sinnliche Timbre, das sie vom ersten Moment an gefangen genommen hatte.

  Auch der Mann, der ihnen schließlich die Türe öffnete, war ganz eindeutig nicht David. Er war etwas kleiner und hatte wesentlich schmalere, runde Schultern. Seine hellen Haare waren kurz geschnitten; er trug eine randlose Brille, war glatt rasiert und sein Aftershave verströmte einen leichten, nicht unangenehmen Geruch nach Zitrone.

  »Was ist denn los? Ein bisschen spät für einen Besuch, oder?» Irritiert blickte er auf die beiden jungen Frauen, die ebenso irritiert zurückstarrten.

  »Tut uns Leid, dass wir so mit der Türe ins Haus fallen, aber wir wollen zu David Stratten. Ist er zu Hause?» Selma hatte ihr Schockstarre überwunden. Jetzt wollte sie das Ganze nur noch möglichst schnell hinter sich bringen.

  »Sie sehen ja, dass ich zu Hause bin. Was wollen Sie denn? Sind sie von den Zeugen Jehovas oder so? Das heißt, eigentlich sehen Sie nicht so aus!»

  Plötzlich umspielte ein charmantes, gewinnendes Lächeln seine Lippen. Und trotz seines Verärgerung wirkte er mit einem Mal gewinnend und vertrauenserweckend.

  »Das ist nicht David», flüsterte Selma Lizzy zu, die jetzt die Konversation entschlossen in ihre Hände nahm.

  »Wir suchen den David Stratten, gegen den vor ein paar Jahren wegen Heiratsschwindels ermittelt wurde!» Lizzys unverblümte Worte ließen das Strahlelächeln abrupt verschwinden. Sein Gesicht verdüsterte sich, während er einen hektischen Blick in Richtung der Eingangstüren der Nachbarwohnungen warf.

  Hastig forderte er Selma und Lizzy zum Eintreten auf. Ein schmaler Flur führte in ein Wohnzimmer, das zwar sauber, aber steril und reichlich ungemütlich wirkte und das in einen offenen Küchenbereich mündete. Die Türe zu einem weiteren Zimmer, offenbar ein Schlafzimmer, stand offen. Selma erkannte das Bettmodell eines großen, nicht gerade auf Luxusmöbel spezialisierten Einrichtungshauses. Lizzys Mitbewohnerin hatte sich für dasselbe Modell entschieden, allerdings wirkte es ihr bei dank einer fröhlich-bunten Tagesdecke und mehrerer XL-Polster weit freundlicher und einladender.

  »O.k., dann reden wir mal Klartext!» Der Herr des Hauses, wie auch immer er hieß, hatte seine beiden nächtlichen Gäste nicht zum Sitzen aufgefordert. »Schickt Claudine euch? Geht es um das Geld? Ich habe ihr zurückgezahlt, was ich noch hatte, damit sie die Anzeige zurückzieht. Mehr habe ich nicht. Oder sieht das hier vielleicht so aus, als würde ich im Luxus schwelgen? Und mehr kommt auch nicht. Ich habe einen Job bei einem Limousinenservice. Damit komme ich ganz gut über die Runden, aber das ist es auch schon. Also sagt Claudine, dass da nichts zu holen ist!»

  Was erzählt der Typ da bloß? Von welcher Claudine spricht er? Selma blickte ratlos zu Lizzy, auf deren Gesicht sich nicht länger Verwunderung, sondern plötzliche Erkenntnis abzeichnete.

  »Da gibt es offenbar eine Verwechslung. Von einer Claudine wissen wir nichts. Und falls Sie noch eine Rechnung mit ihr offen haben, geht uns das nichts an. Sie sind anscheinend nicht der David Stratten, den wir suchen. Vielleicht geht es um einen Ihrer Verwandten, der sich genauso schreibt», versuchte Lizzy das Ganze zu entwirren.

  Der falsche David, wie ihn Selma in ihren Gedanken nannte, entspannte sich sichtlich. Das Misstrauen verschwand aus seinem Gesicht und wich einem amüsierten Grinsen.

  »Ein Verwandter, ja, das wäre nicht schlecht! Ich kann mir schon denken, mit wem Sie mich verwechseln. Vielleicht sollten Sie es einfach mal mit googeln versuchen. Aber lassen sie ein t bei Stratten weg!»

Selma wusste nicht mehr, wie sie es nach dieser seltsamen nächtlichen Unterhaltung zurück ins Taxi geschafft hatte, das mit laufendem Taxameter im Schein einer fahlgelb leuchtenden Straßenlampe auf sie wartete. Nach all der Aufregung und Angst durchflutete sie jetzt ein warmes Glücksgefühl. Alles schien nur eine absurde Verwechslung zu sein. Ihre innere Stimme hatte doch recht behalten! Die schrecklichen Verdächtigungen waren nur ein Irrtum, entstanden aus einer kleinen Unachtsamkeit der Sekretärin des Yoga Health Centers beim Erstellen der Namensliste, die am Schwarzen Brett neben den Umkleideräumen aushing. Man musste Stratten bloß mit einem t schreiben und schon war die Welt wieder in Ordnung! Oder vielleicht doch nicht?

  »Googeln Sie einfach mal!», hatte der falsche David gemeint. Warum hatte er das in einem derart süffisanten Ton gesagt? Auf einer Google-Ergebnisseite aufzutauchen, musste doch nichts bedeuten. Auch über Selma gab es etliche Einträge. Auf der Website ihrer Firma vor allem und das eine oder andere lief über Facebook. Harmloses Zeug, über das sie sich noch nie den Kopf zerbrechen musste.

  Und doch: Irgendwie hatte es so geklungen, als wäre David Straten eben kein solch virtuelles Leichtgewicht wie sie.

  Am liebsten hätte Selma gleich jetzt auf ihrem Smartphone eine Suchabfrage gestartet. Doch Lizzy, die still und bedrückt wirkte und die mit geschlossenen Augen in den schwarzen Ledersitzen des Taxis lehnte, brauchte nach all den Aufregungen erst mal eine Pause.

KAPITEL 6

Die Online-Suche auf Lizzys silberfarbenen Hochleistungs-Laptop war kurz und effektiv. Nachdem sie alle englischsprachigen Treffer aussortiert hatte, blieb nur ein David Straten übrig.

  Selma, die einen der knallroten Esstischstühle aus der WG-Küche dicht neben Lizzys ramponierten Schreibtischsessel gerückt hatte, starrte ungläubig auf das Suchergebnis.

  »Wär hätte das gedacht? David Straten, CEO, Leiter der Personalabteilung von Straten Logistics. Vom Chauffeur zum Oberboss. Keine schlechte Karriere!» Lizzy pfiff anerkennend durch die Zähne, während sie das Foto vergrößerte, das einen David zeigte, der erstens kein Heiratsschwindler war und zweitens offenbar eine Führungskraft in einem der größten Speditionsunternehmen im Lande.

  Kein Zweifel, dachte Selma, das war ihr David! Wenn auch eine ungewohnt seriös und ernst blickende Variante in einem dunklen Anzug, mit weißem Hemd und einer Krawatte, deren Farbe perfekt mit seinen Augen harmonierte.

  Daher kam also der süffisante Ton des falschen Davids und sein Hinweis, dass es nicht schlecht wäre, mit seinem Fast-Namensvetter verwandt zu sein!

  Was für ein Durcheinandern! Das musste sie alles erst einmal verdauen und überschlafen, beschloss Selma. Und zwar am besten auf dem Gästesofa ihrer Freundin, die sich seit dem Auftauchen des echten Davids mindestens fünf Mal dafür entschuldigt hatte, dass sie ihn als fiesen Betrüger präsentiert hatte.

  Lizzy tat es aufrichtig leid, dass sie der Versuchung, in Davids Leben herumzuschnüffeln, nachgegeben hatte. Und Selma konnte gar nicht anderes, als diese Entschuldigung anzunehmen. Vor allem deshalb, weil sie ein großes Herz hatte. Sie konnte niemandem wirklich lange böse sein, zumindest dann nicht, wenn hinter einer Verletzung keine Absicht stand. Und der Namensirrtum war schließlich nicht die Schuld ihrer Freundin, die es alles in allem einfach nur gut mit ihr gemeint hatte: Mr. Verheiratet sollte nicht noch einmal ihre Gefühle verletzen und Mr. Heiratsschwindler schon gar nicht.

  Also nahm Selma das Angebot der noch immer zerknirschten Lizzy an, auf ihrer gemütlichen Schlafcouch zu übernachten. Vermutlich war ihr Limoncello-Alkoholpegel ohnehin noch immer zu hoch, um in ihren alten Mini zu steigen. Und es war schön, unter der leicht nach Flieder duftenden Decke zu liegen und sich leise mit Lizzy über die seltsame Wendung, die die Dinge genommen hatten, zu unterhalten.

  »Ist dir eigentlich klar, dass dein David mehr in seiner Portokasse hat, als wir im ganzen Jahr verdienen? Er ist wahrscheinlich stinkreich», murmelte Lizzy, kurz bevor sie in einen tiefen Schlaf sank und ihr Unterbewusstsein damit begann, das eben Erlebte in Form eines der absurdesten Träume zu verarbeiten, die sie jemals geträumt hatte.

  Stinkreich! Selma hatte keinerlei Vorstellung davon, was es bedeutete, wenn jemand richtig viel auf dem Konto hatte. Geld war zwar durchaus etwas, über das man in ihrer Familie sprach, aber eben auch deshalb, weil es nicht selbstverständlich und nicht im Übermaß vorhanden war. Sie kam aus einer typischen Mittelschichtfamilie und passte mit dem Beruf, den sie für sich gewählt hatte, noch immer perfekt in dieses Raster. Menschen, die richtig viel Geld hatten, kamen in ihrem Alltag nicht vor.

  Wie soll ich nur  mit Davids Welt zurechtkommen?, fragte sie sich und schon wieder regte sich ein banges Gefühl in ihrem Herzen. Sie dachte an seine Freunde und ihre albernen Pokerspiele. Das klang nicht so, als würde er seine Abende normalerweise in exklusiven Clubs verbringen, von deren Existenz sie noch nicht einmal wusste.

  Plötzlich fühlte sich Selma unendlich müde. Darüber würde sie sich morgen den Kopf zerbrechen, wenn sie erst einmal ein wenig in Davids Welt hineingeschnuppert hatte. Morgen war Yoga angesagt und er hatte sie anschließend in seine Wohnung zum Essen eingeladen. Verworrene Bilder von einem Butler, der ihr einen Regenschirm abnahm, der den geblümten Modellen ihrer Mutter ähnelte, huschten durch Selmas Kopf, während sie Lizzy ins Traumland folgte.

KAPITEL 7

»Mmmh, wenn du nur wüsstest, wie ich deinen wunderbaren Duft vermisst habe!» David nützte die Anweisung Frau Wohhartinger-Minesheims, auf tiefe und lange Atemzüge zu achten, schamlos aus, um besonders tief in Richtung Selma zu schnuppern.

  Davids leise gemurmelten Worte lösten in Selma kleine, wohlige Glückswellen aus. Am liebsten wäre sie auf seine Yogamatte gerutscht, um ihm auf der Stelle einen tiefen, langen Kuss zu geben. David grinste spitzbübisch, als er ihren Gesichtsausdruck sah und sich offenbar zusammenreimen konnte, was gerade in ihr vorging.

  »Was meinst du, sollten wir nach dem Kurs zu Hause duschen? Meine Dusche wird dir gefallen!», raunte er ihr leise ins Ohr, was Selmas gerade mühsam aufgebaute Schulterbrücke heftig ins Wanken brachte.

David hatte nicht zu viel versprochen. Die wahre Attraktion seines Badezimmers war natürlich David, nach dem Selmas Körper wie ein Verdurstender verlangte, der gerade zwei Tage lang bei glühender Hitze durch die Wüste marschiert war. Doch als sie es sich, in ein großes und unglaublich flauschiges Badetuch gehüllt, auf dem Badezimmer-Sofa gemütlich gemacht hatte, kam sie erst einmal aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es gab also tatsächlich Menschen, die im Bad ein Sofa stehen hatten! Und unendlich viel Platz für einen Whirlpool, ein TV-Gerät, eine CD-Anlage mit unzähligen CDs und da gab es natürlich auch noch diese wunderbare Regendusche …

  Während David in der ebenso überdimensionierten und makellos sauberen Küche für sie kochte, zog sich Selma rasch an und machte sich auf die Entdeckungsreise durch eine Wohnung, die sie von Minute von Minute mehr in Erstaunen versetzten. Das mit teuer aussehenden Ledermöbeln in edlem Weiß eingerichtete Wohnzimmer öffnete sich in einer breiten Glasfront auf eine Dachterrasse, die etwa doppelt so groß war wie der kleine, liebevoll gepflegte Garten in Selmas Zuhause. Doch hier durfte die Natur nicht das von ihr bevorzugte, nur sanft im Zaum gehaltene Eigenleben entwickeln. Die akkurat gestutzten Zypressen und Lorbeerbäume in dekorativen Terrakottakübeln setzten perfekte Akzente auf den dunklen Tropenholzdielen. Matt schimmernde Lichtskulpturen fügten sich in das Gesamtbild ein wie Lichtreflexe in ein von Meisterhand komponiertes Bild. Dennoch wirkte alles seltsam steril, so als hätte nicht ein Mensch, sondern eine perfekt programmierte Maschine dieses Bild gemalt.

  Das war also Davids Welt! Als sie auf nackten Füßen zurück ins Wohnzimmer und weiter in die Küche tappte, wurde Selma bewusst, dass sie enttäuscht war. Diese Wohnung war perfekt und hätte bestimmt jeden angesagten Innenarchitekten begeistert, aber sie spiegelte einfach überhaupt nicht den David wider, der ihr Herz erobert hatte.

  »Na, hat dir mein Palast die Sprache verschlagen?»

  David schien Selma bereits beängstigend geübt darin, in ihrem Gesichtsausdruck zu lesen und ihre Gefühle in Worte zu fassen, noch bevor sie sie aussprach.

  »Sorry, ich hätte dich wohl vorwarnen sollen», fuhr er fort, während er einen liebevollen Kuss auf ihre Nasenspitze hauchte, um sich anschließend wieder der Pasta zuzuwenden, die einen aromatischen Duft nach Tomaten und Basilikum verströmte.

  »Diese Wohnung lässt mich manchmal selbst vor Ehrfurcht erstarren. Und wenn ich nicht nur vorübergehend hier wohnen würde, hätte ich längst alles umgekrempelt.»

  Selma hatte es sich auf einem der Designer-Barhocker mit unterschiedlich gestalteten Sitzflächen, die vor einem langen Marmortresen aufgereiht waren, gemütlich gemacht. Das heißt, als besonders gemütlich empfand sie das Ding mit der orangerot lackierten Sitzfläche eigentlich nicht. Aber so hatte sie wenigstens einen guten Blick auf David, der in seinem schwarzen Shirt und der schon etwas abgetragenen Jeans mindestens genau so lecker aussah, wie die Pasta roch, in der er jetzt eifrig rührte.

  »Warum lebst du dann hier? Seit ich hier hereingekommen bin, habe ich das Gefühl, dass ich ganz dringend wieder mal zum Friseur gehen sollte!»

  Selma bemerkte erst, dass sie ihre Gedanken laut ausgesprochen hatte, als David zu lachen begann.

  Verdammt, das wollte sie doch gar nicht laut sagen! Das war unhöflich.

  »Naja, die Wohnung ist praktisch. Das heißt, wenn man sie nicht selbst putzen muss und das muss ich zum Glück nicht!»

  Daran hatte Selma nun wirklich noch keine Sekunde gezweifelt. Das gesamte Appartement musste über 200 Quadratmeter groß sein. Es perfekt in Schuss zu halten und alles, was Selma bislang davon gesehen hatte, war perfekt, musste ein Fulltime-Job sein.

  »Das ist das Appartement, in dem früher mein Bruder Peter gelebt hat. Seine Frau Johanna hat hier alles eingerichtet. Letzten Sommer sind sie ausgezogen. Johanna wünscht sich ein Kind und wollte lieber ein Haus mit einem Garten», erklärte David, während er Weißburgunder aus einem edelstahlfarbenen Getränkekühlschrank holte, ein Küchengerät, das Selma bislang nur aus Restaurants kannte.

  »Und ich hatte gerade eine recht abrupte Trennung hinter mir und brauchte rasch eine Bleibe», fuhr er fort und sein Blick wirkte plötzlich verloren.

  »Was ist passiert?»

  Selma wollte nicht alte Wunden aufreißen, doch David wirkte traurig, so als würde ihn eine schmerzliche Erinnerung bedrängen.

  »Naja, das ist eine etwas längere Geschichte, aber ich erzähle dir die kurze Variante. Ich habe mit meiner damaligen Freundin Christine zusammengelebt, und das war nicht immer ganz einfach. Vor allem deshalb, weil ich früher öfter mit dem Truck auf Tour gegangen bin.»

  »Du warst Fernfahrer!»

  Selma konnte es nicht glauben. Also war David doch so etwas wie ein Chauffeur, auch wenn er dicke Brummis und nicht Limousinen kutschiert hatte.

  »Meine Eltern haben unsere Firma aufgebaut, und mein Vater ist als junger Mann selbst als Fernfahrer durch Europa getingelt. Und nach einem Job bei einer Spedition in London hat mich das auch gereizt. Ich wollte einfach nicht ausschließlich in einem Büro sitzen, und für meine Familie war das in Ordnung. Mein Bruder ist fast zehn Jahre älter als ich und unterstützt meinen Vater und meine Mutter schon länger in der Geschäftsführung. Also durfte ich losziehen, und es hat mir einen Riesenspaß gemacht, auch wenn das Fernfahrerleben nicht immer ein Honiglecken war. Aber als ich Christine kennenlernte, wurde das immer schwieriger. Vor allem deshalb, weil sie krankhaft eifersüchtig war. Sie dachte wohl, ich liege bei einer anderen im Bett, anstatt Tomaten aus Südspanien in meinem Lastwagen herumzufahren. Und schließlich hat sie sogar einen Privatdetektiv auf mich angesetzt, der in meinem Leben herumgeschnüffelt hat. Das hat alles zerstört. Als ich es erfahren habe, konnte ich es mit ihr keine einzige Nacht mehr unter einem Dach aushalten.»

  Tatsächlich hatte Christine noch mehr in Davids Leben angerichtet, aber diese Variante der Geschichte war ihm so unangenehm, dass er sie Selma lieber verschwieg. Auf die Spur der Überwachung hatte ihn ausgerechnet Willie, Christines Mops, gebracht. David konnte mit Hunden eigentlich nicht viel anfangen, und schon gar nicht mit Möpsen. Zumal er wusste, dass Möpse ihr süßes, zerknautschtes Aussehen einer angezüchteten Deformation ihres Kopfes verdanken, die ihr Hundeleben nicht gerade einfach macht und ihnen Atemprobleme bescheren kann. Doch nachdem er in Christines Wohnung gezogen war, hatte der kleine Kerl mit seinem glatten, kurzen und weich-glänzenden Fell innerhalb kurzer Zeit sein Herz erobert. Willie zeigte viele Eigenschaften, die David an Christine im Lauf der Zeit immer stärker vermisste: Würde und Intelligenz, gepaart mit Charme, Ausgeglichenheit und einem fröhlichen Wesen. Und so hatte er auch nicht wirklich viel dagegen, auf Willie aufzupassen, an dem Christine, seit er der Welpenphase entwachsen war und seine Figur zunehmen kräftiger und quadratischer wurde, kaum mehr aufrichtiges Interesse zeigte. Ja, ihr Wunsch, David möge gemeinsam mit Willie losziehen, wurde regelrecht drängend. Vor allem dann, wenn David etwas mit seinen Kumpels unternehmen wollte, bat sie ihn fast flehentlich, doch bitte den Hund mitzunehmen, scheinbar hatte sie vergessen, dass sie ihn Willie genannt hatte.

  Also wurden David und Willie immer öfter ein Team. Anfangs sorgte der kleine Hund in Davids Freundeskreis für so manche hämische Bemerkung. Etwa wenn Willies kurze Nase wieder mal lustige Töne von sich gab, was regelmäßig passierte, wenn er sich aufregte oder über etwas freute. Aber schon bald hatten alle das kleine beigefarbene Muskelpaket ins Herz geschlossen, das beständig gute Laune verbreitete und durch seine Freundlichkeit selbst eingefleischten Hundehassern ein Lächeln entlockte. Die Witze hörten auf, und nach kurzer Zeit gewöhnten sich alle an das ungleiche Paar: an den kleinen Hund, der es gerade mal auf eine Schulterhöhe von 30 Zentimetern brachte und sein mehr als sechs Mal so großes Herrchen, das so gar nicht dem Bild eines Schoßhund-Besitzers entsprach.

  David kümmerte sich sogar um einen internationalen Impfpass und um ein Gesundheitszeugnis für Willie. So konnte er ihn mitnehmen, wenn er mit seinem Truck wieder auf Tour ging, was allerdings zunehmend seltener geschah, seit er mehr Verantwortung im Betrieb übernommen hatte. Willie genoss die Fahrten mit seinem Herrchen ungemein und auch David machte es Spaß, gemeinsam seinem Mops auf Tour zu gehen.

  Christine hatte nichts gegen die gemeinsamen Fahrten der beiden und fand bald tausend Gründe dafür, warum sie gerade dann keine Zeit für Willie hatte, wenn David wieder mal losziehen wollte.

  Eines Tages entdeckte David die Ursache dieses Interesses. Es geschah, als er den Sitz des neuen Halsbandes kontrollierte, das Christine vor einigen Wochen gekauft hatte und das ihm angesichts des kleinen Speckkragens, den sich Willie in letzter Zeit angefuttert hatte, etwas knapp erschien. Dabei fiel sein Blick auf ein kleines Plastikteil, das er bislang nicht bemerkt hatte und das sich bei genauerer Betrachtung als ein geschickt in das Halsband integrierter GPS-Sender entpuppte. Sein schrecklicher Verdacht bestätigte sich, als er auf Christines Laptop herumstöberte und die entsprechende Tracking-Software fand. David wusste, was man damit anstellen konnte. Schließlich war die Sicherung und Ortung von LKW mittels GPS etwas, von dem er dank seines Jobs einiges verstand. Und er verstand auch, dass Christine nicht deshalb so sorgfältig Willies Aufenthaltsort im Auge behielt, weil sie sich um sein Wohlergehen sorgte, oder weil sie befürchtete, er könnte weglaufen. Nein, das Überwachungsteil hatte nur einen einzigen Sinn: Sobald Willie sich dort befand, wo sein Herrchen gerade war, was in letzter Zeit immer öfter geschah, wusste Christine sozusagen auf Knopfdruck, wo sich David aufhielt. Ein in ihren Augen vermutlich perfektes System der Kontrolle.

  Willie für ihre Schnüffeldienste einzusetzen, war leider nicht Christines einzige schlechte Idee gewesen. Auf ihrem Laptop fanden sich noch weitere verräterische Spuren von Schnüffelaktivitäten, und zwar in Form eines Berichts einer Detektei, die David für eine horrende Summe bis in den Süden Spaniens beschattet hatte. Angesichts dieser Summe war Christine wohl auf die findige Idee gekommen, in Willie einen weit preisgünstigeren Detektiv anzuheuern.

  Dieser Vertrauensbruch verletzte David nicht nur. Er fühlte sich gedemütigt und war so wütend wie noch niemals zuvor in seinem Leben. Systematisch löschte er auf dem Laptop alles, was mit Christines Bespitzelung zu tun hatte. Anschließend drapierte er das verräterische Hundehalsband demonstrativ auf ihrem Laptop und sah sich nach einem provisorischen Ersatz-Halsband für Willie um. Eine Seidenkrawatte, die ihm Christine aus Mailand mitgebracht hatte und die vermutlich sündteuer gewesen war, entpuppte sich als die richtige Wahl.

  In Windeseile packte er seine Sachen, um mit Willie für immer aus einer Wohnung zu verschwinden, in der sich nie richtig zu Hause gefühlt hatte. Die kommenden Wochen betäubte er sich mit Arbeit und wollte nur noch vergessen, was ihm Christine nicht gerade leicht machte. Sie bombardierte ihn nicht nur mit Anrufen und SMS, sondern tauchte auch immer wieder unerwartet in seiner Wohnung und sogar in seinem Büro auf. Ihre Erklärung, sie habe all das nur aus Liebe gemacht, erschien David mehr als zynisch. Er fühlte sich verletzt, belogen und betrogen. Sein einziger Lichtblick während dieser Zeit waren seine Familie und seine Freunde, die David so gut zur Seite standen, wie sie nur konnten. Und natürlich gab es da auch noch Willie, der sich als einfühlsamer Seelentröster bewährte. Bis er vor etwa acht Monaten von einem Tag auf dem anderen aus Davids Leben verschwand.

Christine hatte nach mehr als einem halben Jahr, in dem sie unzählige Versuche gestartet hatte, David zur Rückkehr zu bewegen, endlich aufgegeben. Doch sie wollte nicht endgültig aus seinem Leben verschwinden, ohne ihn zu bestrafen. Eines Tages, während David in einer Besprechung war und der kleine Mops gerade einen gemütlichen Büroschlaf unter seinem Schreibtisch hielt, holte ihn sich Christine zurück. Eine SMS brachte bald Klarheit: Willie sei ihr Eigentum, was leider stimmte, und sie würde dafür sorgen, dass David ihn nie wiedersah. Alle Versuche Davids, Christine zu einem Einlenken zu bewegen, blieben erfolglos. Ihren Vorschlag, er könne ja wieder zu ihr und Willie ziehen, wollte und konnte David nicht erfüllen. Doch er vermisste Willie noch immer jeden Tag und hoffte inständig, dass Christine wenigstens gut für ihn sorgte.

Hätte Selma alle Details dieser Geschichte gekannt, hätte ihr Herz wohl noch aufgeregter gepocht. In Davids Leben herumzuschnüffeln, war zwar nicht ihr Wunsch und auch nicht ihre Idee gewesen, aber Lizzy hatte definitiv etwas getan, was ihn in seiner letzten Beziehung sehr verletzt hatte.

  Doch David schien nichts von dem Unwohlsein, das Selma befallen hatte, zu merken.

  »Eigentlich gehört diese Wohnung der Familie», erklärte er Selma, »und wir müssen uns jetzt bald entscheiden, was wir damit machen. Vielleicht sollte ich mit deiner Schwester besprechen, ob der Markt gerade günstig für einen Verkauf ist. Jedenfalls benütze ich das Appartment, bis das geklärt ist. Aber meistens nur unter der Woche. Am Wochenende bin ich am liebsten am Lüritzer See. Da habe ich mein eigenes Reich.»

  Mein eigenes Reich. Selma versuchte, sich ein Haus vorzustellen, das jemand bewohnte, der wahrscheinlich jeden erdenklichen Designer-Schnickschnack bezahlen konnte und der gleichzeitig der David war, in den sie sich verliebt hatte. Und obwohl es ihr nicht an Fantasie mangelte und sie bei ihrem Job die Dinge oft schon ganz konkret vor sich sah, bevor sie sie in Pixel verwandelte, gelang es ihr nicht.

  »Ich würde es dir gerne zeigen, wenn du möchtest», fuhr David fort, als hätte er schon wieder Selmas Gedanken gelesen. Das Entkorken der Weinflasche schien ihm offenbar nicht mehr besonders dringend. Während er zärtlich an Selmas Lippen zu knabbern begann, regte sich auch in ihr eine andere Art von Hunger.

  »Und jetzt komm endlich von diesem lächerlichen Barhocker herunter! Der ist nicht nur hässlich, sondern auch äußerst unpraktisch zum Küssen.»

  Dieser Aufforderung kam Selma nur zu gerne nach. Und erst sehr viel später stellte sie fest, wie wunderbar in einer Designermikrowelle aufgewärmte Pasta mit einem Schluck Burgunder schmecken konnte.

KAPITEL 8

»Du bist ganz schön unvorsichtig, Selma. Da hätte alles mögliche passieren können!» Isabell saugte vorsichtig an ihrem Iced Latte Macciatto und achtete peinlich genau darauf, keinen Tropfen auf ihr dunkelblaues, knielanges Businesskostüm zu verschütten. Es sah teuer aus. Ein schön geschnittenes, klassisches Teil, das wie angegossen saß.

  Isabell schien erfolgreich zu sein, und das zeigte sie auch. Nach ihrem Jurastudium hatte sie für eine Immobilien-Investmentfirma zu arbeiten begonnen, und sie war offenbar mehr als nur gut in ihrem Job. Bei jedem ihrer Treffen berichtete sie Selma von einem Coup: einem Investment, das sie an Land gezogen hatte, von einem Deal, den sie den Mitbewerbern vor der Nase weggeschnappt hatte oder ein Meeting, in dem sie ihre meist männlichen Kollegen alt aussehen ließ.

  Selma hatte sich wie fast jeden Freitag in der Mittagspause mit Isabell verabredet, deren Büro nur ein paar Gehminuten von ihrer Firma entfernt lag. Während sie genussvoll ein Sandwich mit französischem Brie und frischem Rucola verspeiste, begnügte sich Isabell, die gerade wieder mal eine neue Diät angefangen hatte, mit Kaffee. Doch die Art, wie sie dem Duft des vollreifen Bries nachschnupperte, zeigte deutlich, dass ihr dieser Verzicht nicht leichtfiel.

  Selma hatte ihr alles erzählt. Von den schrecklichen Missverständnissen nach Lizzys Recherchen, ihrem nächtlichen Besuch beim falschen David und auch davon, wie unverschämt glücklich sie war. Isabell war oft launisch, manchmal unberechenbar und in letzter Zeit sogar mitunter richtig zickig, so als würde irgendetwas sie enorm unter Stress setzen. Aber sie war ihre große Schwester und immer für Selma da, wenn sie sie brauchte. So wie jetzt, als Selmas Herz einfach übervoll war und sie es unbedingt jemandem ausschütten musste.

  »Es muss wunderschön sein, so richtig verliebt zu sein», sagte Isabell mit Sehnsucht in der Stimme. »Weißt du eigentlich, dass mir das noch nie passiert ist? Ich habe sogar einen Mann, in den ich noch nicht mal richtig verliebt war, geheiratet.»

  Selma dachte an Philipp, ihren Schwager, der seit mittlerweile zwei Jahren ihr Ex-Schwager war. Isabell hatte ihn in ihrer Firma kennengelernt, kurz bevor Philipp zu einer anderen Investmentfirma wechselte, wo er die Karriereleiter wie ein aufgezogenes Duracell-Häschen unbeirrbar nach oben geklettert war. Er war ein Mann mit einer Mission, der Menschen offenbar nur dann brauchte, wenn er sie in irgendeiner Weise nutzbringend in sein Leben einbauen konnte. Als die Abteilungsleiterin seiner neuen Firma diese Funktion besser erfüllen konnte als Isabell, hatte er keine Sekunde gezögert, die Scheidung einzureichen. Selma war froh, dass er aus ihrem Leben verschwunden war. Doch für für ihre Schwester war das Aus der Beziehung ein bitterer Einschnitt in einem bis dahin mehr oder weniger perfekt verlaufenden Dasein gewesen. Ein Einschnitt, von dem sie sich immer noch nicht erholt hatte und der sie manchmal hart und vergrämt wirken ließ.

  Doch so schnell Isabell ihre Fassung verloren hatte, so schnell gewann sie sie wieder zurück. Die mitfühlende Schwester in ihr übernahm wieder das Ruder.

  »Ich freu mich für dich, Selma. Das klingt so, als gäbe es noch Märchenprinzen auf dieser Welt.»

  Ja, die gab es oder zumindest einen, was Selma auch voll und ganz genügte. Und morgen würde er ihr sein Märchenschloss zeigen!

  Die Kutsche, die Selma am nächsten Morgen vor ihrer Haustüre erwartete, entpuppte sich als ein in die Jahre gekommener, an den Stoßstangen schon etwas verbeulter Range Rover. Selma fand es seltsam, dass in einer Stadt, auf deren Verkehrswegen es kaum Steigungen gab, immer mehr Menschen in PS-starken Geländewagen unterwegs waren. Doch Davids Wagen sah so aus, als würde er tatsächlich für die Zwecke, für die ihn seine Konstrukteure ersonnen hatten, eingesetzt. Die Kotflügel waren schlammbespritzt und auf der Ladefläche stapelten sich einige Kisten, darunter sogar seltsamerweise welche mit einigen durstig wirkenden Grünpflanzen.

  »Wo ist denn das Luxusgefährt, mit dem sonst immer unterwegs bist? Bleibt das jetzt in der Garage, nachdem du mich ordentlich beeindruckt hast», neckte Selma David. Im Grund war es ihr egal, wie die Kutsche aussah, solange es David war, der sie lenkte. Und eigentlich passte der etwas ramponierte Rover viel besser zu ihm als das piekfeine Firmenauto.

  »Warst du denn beeindruckt? Wenn ich das vorher gewusst hätte, hätte ich den Rolls-Royce genommen.»

  »Das war doch nur ein Scherz!» Amüsiert über Selmas entsetzten Gesichtsausdruck zog David sie an sich. Unter dem wachen Blick der grau getigerten Katze, die Selmas Nachbarin gehörte und die es sich sich gerade auf der Motorhaube des Rovers gemütlich gemacht hatte, gab er ihr einen langen, zärtlichen Kuss.

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Selma hatte versucht, sich Davids Märchenschloss, sein Reich, von dem er mit soviel Wärme in seiner Stimme erzählt hatte, vorzustellen. Doch die unscharfen Bilder, die ihr dabei durch den Kopf gegangen waren, hatten nicht das Geringste mit dem zu tun, was sich ihr nun in der Realität darbot.

  Der Geländewagen hatte sie nach etwa einer Stunde Fahrt durch ein kleines Hochtal und wenig befahrene Landstraßen zu einer Abzweigung gebrachte, von der eine Schotterstraße etwa 200 Meter direkt in Richtung des Sees führte. Hinter einer kleinen Geländekuppe schmiegte sich ein Haus in den leicht geneigten Hang, fast so als würde es sich in eine warme, gemütliche Höhle kuscheln. Das Walmdach und die vielen Fenster mit den moosgrünen Läden verliehen dem zweistöckigen Gebäude ein freundliches Gesicht. Die Mauern wirkten dick und solide, so als stünde das Haus hier schon seit vielen, vielen Jahren, unverwüstlich und fest verankert. Seitlich war es offenbar kürzlich erweitert worden. Der kleine Wintergarten, der sich in Richtung des Sees auf eine kleine Holzterrasse öffnete, schien neu zu sein. Gleichzeitig wirkte der Anbau so, als wäre er schon immer hier gewesen. Er stahl dem schönen alten Hauptgebäude nicht die Show, sondern ordnete sich ihm unter und ergänzte es auf perfekte Weise.

  Die Kletterrose, die sich an der südlichen Fassade des Hauses emporrankte, zeigte bereits erste, blassrote Blüten. Ein kleiner Weg aus grauen Schieferplatten führte vom Haus über den leicht geneigten Hang zum See, der an diesem schönen Frühlingstag einladend in der Sonne funkelte. An einem Bootssteg dümpelte ein hölzernes Ruderboot. Daneben tupfte eine große Weide ihre hängenden, filigranen Zweige ins Wasser. Ihre breite Krone spiegelt sich im See, auf dessen Oberfläche sich die Wellen im lauen Wind des Frühlingstages leicht kräuselten. Es roch nach See und Frische. Selma hatte das Gefühl, als würde mit jedem Atemzug pure Lebensenergie in ihre Lungen strömen.

  »Das Haus ist mehr als hundert Jahre alt. Ein Textilfabrikant hat es damals als Sommersitz erbauen lassen, und seither war es im Besitz seiner Familie. Vor ein paar Jahren hat es seine Urenkelin an mich verkauft. Schweren Herzens, wie sie mir erzählt hat, weil sie hier schon als Kind viele glückliche Tage verlebt hat. Aber sie kann sich in ihrem Alter nicht mehr richtig um das Haus kümmern und ihre Kinder interessieren sich nicht besonders dafür», berichtete David, während er mit einem altmodischen Schlüssel eine schwere Holztüre öffnete, die offenbar von Kennerhand renoviert worden war, und die in einen breiten Flur mit einem mattgelb glänzenden Ziegelboden führte. Der daran anschließende Wohn- und gleichzeitig Hauptraum des Hauses war erstaunlich groß.

  »Ein Bauunternehmer aus dem Dorf hat alles für mich auf Vordermann gebracht. Ich wollte, dass der Charakter des Hauses möglichst erhalten bleibt, und das hat er auch gut hinbekommen. Aber hier mussten wir eine Zwischenwand herausreißen, damit wir einen schönen, großen Raum gewinnen.»

  Das Ergebnis war mehr als gelungen, wie Selma fand, während sie über den leise knarzenden Dielenboden auf das Zentrum des Raums zuging – einen wunderschönen, mit moosgrünen Fliesen dekorierten Jugendstil-Kachelofen.

  »Der ist noch original. Ein Erbstück des Textilfabrikanten. Man kann ihn vom Flur aus mit Holz beheizen», erklärte David, während er Selma an der Hand nahm und durch eine kleine Seitentür aus mattiertem Glas in den Wintergarten führte. Der hohe Raum war abgesehen von einem gemütlichen Ecksofa mit einem hellen Stoffbezug erst spärlich eingerichtet, was seinen Charme aber nicht im Geringsten beeinträchtigte. Die großzügigen Glasfronten lockten die Sonne in jeden Winkel des Raums und legten einen warmen Schimmer auf die ockerfarbenen Terrakottafliesen, die den Boden bedeckten. Auf zwei Seiten öffnete sich der Blick in Richtung des Sees, auf dem jetzt die Vormittagssonne flirrende Lichtpunkte tanzen ließ.

  »Wie gefällt dir mein Häuschen? Es ist noch nicht ganz fertig, aber ich plane und bastle daran, wann immer ich Zeit dafür finde.»

  Selma sah einen ängstlichen Ausdruck in Davids Augen, als er ihr diese Frage stellte und war irritiert. War David tatsächlich besorgt, dass ihr dieses wunderschöne Haus an diesem Platz, der ihre Seele auf´s Tiefste berührte, nicht gefallen könnte?

  »David, ich habe mich von der ersten Sekunde an in dieses Haus verliebt. Es ist wunderschön. Ein ganz besonderer Platz!»

  »Das bedeutet mir viel, Selma! Ich habe mir so gewünscht, dass es dir hier gefällt«, sagte er mit rauer Stimme.

  »Das heißt, die Küche habe ich dir ja noch gar nicht gezeigt. Die wurde noch nicht renoviert. Vielleicht änderst du deine Meinung ja wieder, wenn du die erst mal siehst. Aber das Schlafzimmer ist schon ganz passabel», murmelte er mit einem frechen Grinsen.

  Selma hatte nie geglaubt, dass zwischen zwei Menschen Funken sprühen konnten und hatte das immer für ein billiges Klischee aus einem Groschenroman gehalten. Doch genau das passierte jetzt wieder zwischen David und ihr, wieder schien die Welt ihren Atem anzuhalten, und sie hatte das Gefühl, in seinen Augen zu versinken.

  »Erst mal das Schlafzimmer angucken», murmelte sie, während David ihr Gesicht sanft mit seinen Händen umfasste und sie leidenschaftlich und genussvoll zu küssen begann.

Das lichtdurchflutete Schlafzimmer mit seinem breiten Eichenbett war ebenso schlicht und doch heimelig wie der Rest des Hauses. Auch das Bad gefiel Selma. Es entpuppte sich als erstaunlich wohnlich und komfortabel. Zwar gab es weder einen Whirlpool, noch eine hypermoderne Dolby-Surround-Anlage, aber der sparsam mit sonnengelben Fliesen gekachelte Raum strahlte Sauberkeit, Weite und Fröhlichkeit aus.

  Doch was die Küche anging, hatte David nicht untertrieben. Jedes Detail vermittelte ein nostalgisches 50er-Jahre-Flair. Die Spüle und die Küchengeräte erinnerten Selma an die Besuche in der Wohnung ihrer Großmutter, an ihren flaumigen Apfelkuchen und die herrlich krosse Kruste ihres Schweinebratens, den sie in ihrem steinzeitlich anmutenden Backofen zubereitete.

  David machte sich über jedes Detail seines Hauses Gedanken und hatte offenbar eine Menge Spaß dabei, auch selbst Hand anzulegen, was seine gut ausgeprägten Muskeln erklärte. Wie Selma entdeckte, war der Werkzeugkoffer, den er für Großmutters Bild in ihre Wohnung geschleppt hatte, nur ein kleiner Teil einer ganzen Sammlung von Gerätschaften. Werkzeuge mit und ohne Elektroantrieb, die er wie viele männliche Werkzeugsammler offenbar leidenschaftlich gerne kaufte.

  Nur mit der Gartenplanung kam er nicht so recht voran und freute sich über Selmas Tipps. Sie liebte es, in ihrem kleinen Gärtchen alles zum Wachsen und Blühen zu bringen. Sachkundig und voller Mitleid versorgte sie die Pflanzen, die David offenbar eher wahllos im Gartencenter gekauft und auf seinem Pick-up verstaut hatte. Selma kannte zwar Männer, die einen grünen Daumen hatten, aber David zählte definitiv nicht dazu. Für das außerordentlich durstig wirkende Geißblatt, das sie zuerst von der staubigen Ladefläche seines Wagens rettete, suchten sie gemeinsam einen feuchten und schattigen Platz.

  »Im nächsten Jahr werden die Blüten wunderbar duften», erklärte sie David.

  »Sie duften bestimmt nicht so gut, wie du. Aber das werden wir ja sehen im nächsten Sommer, das heißt, wir werden es riechen», antwortete er, während er sachte ein Stückchen Erde aus ihren Haaren löste, das sich beim Einbuddeln des Geißblatts darin verfangen hatte.

  Wir und nächster Sommer. Selma hätte nie gedacht, dass diese drei Worte sie so unglaublich glücklich machen konnten und plötzlich stiegen ihr Tränen in die Augen.

  »He, ist alles o.k? Was ist denn los mit meiner kleinen Gartenfee?», murmelte David, während er sie liebevoll in die Arme nahm.

  »Ach Gott, sieh dir nur diese arme, verdurstete Pflanze an! Das ist doch zum Heulen … », versuchte Selma ihre Rührung zu verbergen. Doch ein Blick in seine Augen bewies ihr, dass das gar nicht nötig war. Er wusste offenbar, was gerade in ihr vorging, und es schien ihn verdammt glücklich zu machen.

KAPITEL 9

Die Website eines Herstellers von Heizkesseln zu designen, ist eine besondere Herausforderung. Selma stellte fest, dass diese Herausforderung für jemanden, der verliebt ist, offenbar noch größer wurde. Während sie über eine Möglichkeit nachdachte, wie man nicht gerade aufregende und einander erstaunlich ähnlich sehende Metallkisten webtauglich präsentieren konnte, gingen ihre Gedanken immer wieder auf Wanderschaft.

  Mit einem warmen Glücksgefühl im Bauch dachte sie an die wunderbare Nacht in Davids Zauberhäuschen; an den gestrigen Sonntag, den sie hauptsächlich mit Faulenzen verbracht hatten. An Selmas Versuch, sich in Davids Ruderboot in die Riemen zu legen und eine gerade Linie zu ziehen. An den schönen Moment, als sie das Ruderboot sanft und träge auf den Wellen schaukeln ließen und sie sich in Davids Arme kuschelte. Wie sie plötzlich ein Glücksgefühl überflutet hatte, wie sie es noch nie zuvor erlebt hatte. Es war, als wäre sie endlich angekommen. Sie fühlte jene tiefe Ruhe in sich, die die Seele nur dann gewährt, wenn man sich eins fühlt mit einem geliebten Menschen und wenn man von diesem Menschen von ganzem Herzen wiedergeliebt wird.

  An diesen schönen Moment erinnerte sich sich auch später, als sie zum dritten Mal bei David anrief und wieder nur die Mailbox erreichte. Er wollte sie zum Yoga abholen, war aber wenige Minuten vor Kursbeginn immer noch nicht aufgetaucht. Selma, die unruhig in ihrem Wohnzimmer hin und her lief, machte sich inzwischen ernsthaft Sorgen. Erschreckende Bilder von Verkehrsunfällen, zerbeulten Autos und Rettungsautos, die mit laut kreischenden Sirenen verletzte Menschen abtransportierten, ließen ihr Herz schneller klopfen.

  Lass den Unsinn! David ist bestimmt nichts passiert, ermahnte sie sich selbst, während sie mit zittrigen Fingern nach ihrer Sporttasche und den Schlüsseln griff. Vielleicht hatte sie ja, was das Abholen anging, etwas missverstanden, und David wartete längst im Yogastudio auf sie. Selma versuchte ganz tief ein- und auszuatmen, so wie sie es bei Frau Wohhartinger-Minesheim gelernt hatte. Doch die Angst, die ihren Magen zusammenpresste, ließ sich davon nicht im Geringsten beeindruckten.

Noch nie zuvor hatte sich eine Yogastunde so lange hingezogen. Mit David an ihrer Seite war jede Trainingseinheit wie im Flug vergangen. Doch heute schlichen die Minuten träge dahin, als hätte jemand die Zeit in Sirup getaucht. David war nicht aufgetaucht. Selma hoffte, dass er vor dem großen Holztor des grauen Backsteinhauses, in dem dem Studio untergebracht war, auf sie warten würde. Doch er ließ sich nicht blicken, und die Angst, die sich seit ein paar Stunden in ihrem Magen breitmachte, drohte in Panik umzuschlagen.

  Selma war normalerweise eine vorsichtige Fahrerin. Doch jetzt fuhr sie viel zu schnell und unkonzentriert. Ihr ganzer Körper war von Angst erfüllt. Angst, dass David etwas zugestoßen war und auch eine vage Angst davor, dass er sie einfach nicht wiedersehen wollte und dass das der wahre Grund für sein unerklärliches Verschwinden war.

  Sie dachte an die letzten Tage, an das wunderschöne Wochenende. Sie erinnerte sich an seine Worte, als er davon gesprochen hatte, dass sie sich nächsten Sommer gemeinsam über den Geruch des Geißblatts freuen würden. Sie wusste noch genau, wie David sie angeblickt hatte. So sah man niemanden an, mit dem einen nur eine flüchtige Affäre verband.

  Doch auch ihre Hoffnung, Davids Rover vor ihrem Haus stehen zu sehen, erfüllte sich nicht. Enttäuscht starrte Selma auf das Display ihres Smartphones. Noch immer keine Antwort auf ihre letzte SMS, in der sie ein verzweifeltes Liebling, wo bist du? Was ist los? an David geschickt hatte.

  Während sie hektisch die Wohnungstür aufsperrte, hörte sie endlich das ersehnte Pling einer SMS. Sie stürmte ins Schlafzimmer, wo sie hastig die blaue Sporttasche auf das Bett warf, um ungeduldig ihr Handy aus dem Seitenfach zu zerren.

  Eine Nachricht von David! Selma war unendlich erleichtert, dass es ihm gut ging, das heißt zumindest so gut, dass er in der Lage war, eine SMS loszuschicken. Doch das Gefühl der Erleichterung verwandelte sich blitzschnell in völlig Verständnislosigkeit.

FRAG DEINE SCHWESTER!!

  Was sollte sie mit dieser Antwort anfangen? Was hatte Isabell mit Davids plötzlichem Verschwinden zu tun?

  Beim Gedanken an ihre Schwester wurde Selma plötzlich bewusst, dass es im Zimmer nach Isabell roch. Kein Zweifel: Der leicht blumige Duft ihres Parfums hing in der Luft. Isabell war in ihrer Wohnung und in ihrem Schlafzimmer gewesen! Ein Blick auf die Wand über der Kommode verriet ihr, was sie hier gesucht hatte. Sie war leer. Astrids Bild war verschwunden.

KAPTITEL 10

So wie Isabell für Notfälle einen Schlüssel zu Selmas Wohnung besaß, hing auch an Selmas Bord ein Schlüssel zur Wohnung ihrer Schwester. Ebenfalls für den Notfall, und nicht, um ungefragt in die Wohnung der anderen zu spazieren. Doch von Isabells unerklärlichem Besuch und Davids kryptischer SMS völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, schnappte sich Selma ohne Skrupel den Schlüssel. Sie musste mit Isabell reden. Jetzt sofort! Und falls sie nicht zu Hause war, würde sie sich eben selbst reinlassen. So wie es ihre Schwester offenbar auch gemacht hatte.

  In den knapp zehn Minuten, die sie mit ihrem Mini bis zu Isabells Wohnung brauchte, fühlte sich Selma wie betäubt. Es war, als hätte ihre Seele erneut alle Gefühlsregungen auf Eis gelegt. Als sie vor dem, wie sie fand, zwar modernen, aber ausgesprochen hässlichen Neubau einparkte, in dem Isabell seit zwei Jahren lebte, sah sie, dass in ihrem Appartment kein Licht brannte. Sie klingelte dennoch, bevor sie ohne den leisesten Hauch eines schlechten Gewissens Isabells Schlüssel benutzte und die Wohnung ihrer Schwester betrat.

  Das Appartment machte ohne Isabell, die meist ständig in ihrer Wohnung herumwirbelte und keine Minute still sitzen konnte, einen seltsam leblosen Eindruck. Es wirkte nicht wie das Zuhause eines Menschen, der sich gerne in seinen eigenen vier Wänden aufhielt. Eher wie eine praktische Zweckbehausung, in die man nicht allzu viel Energie investieren wollte, bevor man weiterzog. Die Möbel wirkten billig und in ihrer Zusammenstellung so, als hätte jemand eher widerwillig eine Stunde in einem der anonymen Möbelhäuser am Stadtrand verbracht, um schnell mal das Nötigste an Einrichtungsgegenständen einzukaufen. Sie standen in krassem Widerspruch zu der Isabell, die die Öffentlichkeit kannte: eines meist perfekt gestylten Wesens, das Gutes und Teures zu schätzen wusste, sei es nun bei ihren Outfits oder ihrem Wagen, der weit mehr Geld gekostet hatte, als ihre Schwester in einem ganzen Jahr verdiente.

  Die spärliche Einrichtung erleichterte Selmas Vorhaben. Schon nach ein paar Minuten fand sie, was sie gesucht hatte. Astrids Bild lehnte, sorgfältig in ein großes Badetuch gewickelt, das seltsamerweise nach Babypuder duftete, in der hintersten Ecke ihres überdimensionalen, mit weißem Klarlack überzogenen Kleiderschranks.

  Selma zog es vorsichtig heraus, befreite es von seiner Frotteehülle und nahm es mit in Isabells kleine, praktische Single-Küche. Sie setzte sich auf einen der unbequemen hellgrünen Stapelsessel und malte mit dem Zeigefinger kleine, schmierige Kreise auf die runde Glasplatte des Küchentischs. Auf dem Stuhl neben ihr lehnte das Bild Astrids. Ihre Züge schienen ein wenig von der fröhlichen Zuversicht verloren zu haben, die der unbekannte Künstler so meisterhaft eingefangen hatte. Doch Selma hatte ausnahmsweise keinen Blick für ihre Großmutter. Ihre Gedanken kreisten nur um eine Frage: Was hatte ihre Schwester mit der quälenden Funkstille zu tun, die plötzlich zwischen David und ihr herrschte? Die Frage, warum Isabell Astrids Bild, das Selma so viel bedeutete, an sich genommen hatte, schien im Vergleich dazu belanglos.

Es war schon spät, als Isabell endlich nach Hause kam. Als sie Selma entdeckte, die noch immer auf dem Küchenstuhl ausharrte, nahm ihr Gesicht einen schuldbewussten und gleichzeitig trotzigen Ausdruck an. Selma kann diesen Ausdruck nur zu gut. Er zeigte, dass Isabell gerade in Verteidigungsstellung ging, weil sie etwas angestellt hatte. Einen Ausdruck, den sie schon als Kind aufgesetzt hatte, wenn etwas zwischen den beiden Schwestern vorgefallen war, an dem Isabell eindeutig der schuldigere Teil war.

  »Warum sitzt du in meiner Küche? Warum bist du einfach hereinspaziert?», startete Isabell ihre „Angriff ist die beste Verteidigung“ Strategie.

  »Das könnte ich dich fragen», antwortete Selma.

  Plötzlich wirkte Isabell geknickt, als hätte ihr etwas allen Wind aus den Segeln genommen.

  »Du hast das Bild gefunden. Ja, ich weiß, es war nicht richtig von mir, dass ich es einfach aus deiner Wohnung geholt habe. Aber ich muss es einfach haben. Es könnte wertvoll sein, und ich brauche ganz dringend Geld, Selma. Ich habe in der Firma einen riesengroßen Schlamassel angerichtet, weil ich auf eigene Faust ein Immobilieninvestment durchziehen wollte. Und das ist schief gegangen. Ich habe dafür Geld aus den Firmenkonten abgezogen. Weißt du, was das bedeutet? Wenn ich es nicht auf schnellsten Weg wieder zurückzahle, muss ich wahrscheinlich mit einer Anklage rechnen. Ich war so verzweifelt, Selma. Und ich wusste, dass du mir das Bild nicht geben würdest, nach dem, was mit David war.»

  Bei Isabells Worten fühlte Selma einen schmerzhaften Druck auf der Brust.

  »Was soll das heißen? Was war mit David? Er meldet sich nicht mehr bei mir. Was hat das alles mit dir zu tun?»

  »Ich habe gefürchtet, dass das passieren wird. David war heute gegen Mittag bei mir im Büro. Er hatte mich angerufen wegen des Verkaufs seines Appartments und mir alle Unterlagen mitgebraucht. Naja, und als ich sie kurz durchsah und mir ausrechnete, was für einen fantastischen Marktwert das Penthouse hat, habe ich einen Scherz gemacht. So in der Art, dass das eine ganz ordentliche Bleibe für einen Chauffeur sei. Ich dachte doch, du hättest ihm längst die ganze Geschichte mit dieser schrägen Verwechslung erzählt. Aber offenbar wusste er es nicht, und er hat nicht locker gelassen, bis ich ihm alles erklärt hatte. Du musst mir glauben, dass ich es so erzählt habe, wie es tatsächlich war. Ich habe ihm gesagt, dass Lizzy in Eigenregie Detektiv gespielt hat und dass du versucht hast, sie zu bremsen. Dass du es nicht wolltest, weil du es nicht richtig gefunden hast, hinter ihm herzuspionieren.»

  Hat einen Privatdetektiv auf mich angesetzt. Das hat alles zerstört. Das waren Davids Worte gewesen! Selma hatte plötzlich das Gefühl, als würde ihr etwas die Luft abschnüren. Sie hatte in Davids Augen einen schrecklichen Vertrauensbruch begangen. Und selbst wenn er wusste, dass sie das nicht gewollt hatte, schien es nichts an seiner Entscheidung zu ändern, sie nicht wiedersehen zu wollen.

  »Bitte Selma. Es tut mir so schrecklich leid! Was kann ich tun?», fragte Isabell mit verzweifelter Stimme, während sie sich auf einen der unbequemen Küchenstühle sinken ließ.

  »Du kannst nichts tun», sagte Selma mit leiser Stimme. »Nimm das Bild und verkaufe es. Bring dein Leben in Ordnung!»

Als sich Selma am nächsten Morgen nach einer schlaflosen Nacht und mit verweinten Augen ins Badezimmer schleppte, fühlte sie sich krank. Als sie bemerkte, dass sie noch nicht einmal genug Kraft zum Zähneputzen hatte, rief sie im Büro an, um sich krankzumelden.

  Es war ein wunderschöner Frühlingsmorgen. Aus dem hellgrünen Laub der beiden Apfelbäume in Selmas kleinem Garten lugten zartrosa Blüten hervor. Doch Selma hatte keinen Blick für die Schönheit der Natur vor ihrem Fenster. Sie fühlte nur Trauer. Sie hatte keinen Hunger und noch nicht einmal Lust auf einen Morgenkaffee, auf den sie sich normalerweise gleich nach dem Munterwerden freute. Alles, was sie wollte, war sich wieder unter der Bettdecke zu verkriechen. Ihr Blick fiel auf die leere Stelle über ihrer Kommode, von der Astrids Bild für immer verschwunden war. Auch dieser Verlust schmerzte, war aber im Vergleich zum Verlust von Davids Liebe nur ein leichter Nadelstich.

  Immer wieder kontrollierte sie ihr Handy in der verzweifelten Hoffnung auf seinen Anruf. Und immer wieder fragte sie sich, ob sie ihn anrufen oder in seine Wohnung fahren sollte. Doch eine tiefe Mutlosigkeit hielt sie davon ab.

  Was Selma jetzt durchmachte, war etwas, das sie in einer derartigen Intensität noch nie erlebt hatte. Auch in ihren früheren Beziehungen waren Trennungen nicht ohne Trauer und Selbstzweifel abgelaufen. Doch das Entlieben war immer ein allmählicher Prozess gewesen, mit dem ihre Seele einigermaßen zurechtkam. Selma fragte sich, ob etwas mit ihr nicht stimmte. Woher kamen diese Gefühlsstürme, dieses schmerzliche Übermaß an Liebeskummer? Doch sie fand keine Antworten. Alles, was ihre Seele preisgab, war ein schmerzhaftes Sehen nach David. Jede Faser ihres Körpers erinnerte sich an seine Umarmungen, fühlte seine Lippen und seine festen Hände. Es war, als würde plötzlich ein lebensnotwendiger Teil ihres Selbst fehlen.

KAPTITEL 11

Am Abend berichtete ihr Isabell vom Verkauf des Bildes an eine internationale Kunstgalerie, die es für ihre Londoner Filiale erworben hatte. Der Maler schien keiner der ganz großen Impressionisten zu sein, war aber doch bekannt genug, um eine ordentliche Summe einzubringen.

  Isabells Entschuldigungen und Beteuerungen, ihr das Geld so bald wie möglich zurückzuzahlen, berührten Selma nicht. Sie vermisste Astrids Bild, aber diesen Verlust würde sie mit der Zeit verschmerzen. Doch der Verlust Davids erschien ihr unüberwindbar.

  Am nächsten Tag holte sie Lizzy mit einem stürmischen Klingeln aus dem Bett. Sie hatte sich Sorgen gemacht, weil Selma nicht auf ihre Anrufe reagiert hatte. Es tat Selma gut, ihrer Freundin das Herz auszuschütten. Nachdem sie gegangen war, fühlte sie sich etwas besser, was man von Lizzy, die sich entsetzliche Vorwürfe wegen ihrer unglückseligen David-Recherchen machte, nicht behaupten konnte. Doch die dicke schwarze Trauerwolke, die Selma seit ihrem Besuch in Isabells Wohnung umhüllte, blieb.

  Als der dritte Morgen ihres Liebeskummers anbrach, beschloss Selma, wieder ins Büro zu gehen. Vielleicht konnte die Arbeit sie ein wenig von ihrem Kummer ablenken. Doch der Tag zog sich endlos dahin; wieder eine neue Erfahrung für Selma, die ihren Job immer gerne und ohne ständig auf die Uhr zu sehen, gemacht hatte.

  Nach der Arbeit beschloss sie, die die drei Kilometer zu ihrer Wohnung zu Fuß zu gehen. Bewegung hatte ihr immer gut getan, wenn sie deprimiert war, und sie hoffte, dass das altbewährte Rezept auch in schweren Fällen funktionieren würde. Als sie in die schmale Straße einbog, die zu ihrem Zuhause führte, bot sich ihr plötzlich ein erstaunliches Bild. Vor ihrem Wohnblock stand ein gigantischer, durch seine schwarze Lackierung noch monströser wirkender Truck. Ihr Mini, der direkt daneben parkte, schien sich angesichts der Gegenwart dieses Kolosses ängstlich an den Bordstein zu kauern.

  Und sie sah David, der gerade aus der Führerkabine des Lastwagens, der die gesamte Straße blockierte, kletterte. In seiner linken Hand hielt er eine Schale tiefroter, schon etwas zermatscht wirkender Erdbeeren. Selma fühlte eine ungeheure Freude in sich aufsteigen. David war zurückgekommen, seltsamerweise hatte er dazu offenbar einen Truck und ein Schälchen Erdbeeren gebraucht, aber er war hier! Er sah traurig und mitgenommen aus. Sein Baumwollhemd wirkte zerknittert und der dunkle Bartschatten auf seinen Wangen ließ vermuten, dass er sich heute noch keine Zeit zum Rasieren genommen hatte. Doch als er Selma sah, leuchteten seine müden Augen auf. Als er auf sie zukam, setzte sich Selmas Körper fast automatisch ebenfalls in Bewegung.

  David sah sie unsicher an.

  »Selma, oh Gott, ich habe dich so vermisst. Und es tut mir alles so leid.»

  Selma sagte nichts. Sie war traurig, verwirrt und gleichzeitig glücklich. Doch ihr Körper sprach ganz ohne Worte mit David. Sanft strich sie im mit Hand über seine stoppeligen Wangen, und David schloss sie fest in seine Arme, so als wollte er sie nie wieder loslassen.

  Ein tiefes Röhren unterbrach den Zauber dieses Moments. Offenbar war Davids Kumpel zum Schluss gekommen, dass hier alles in Butter war und er das Gefährt nun unbesorgt an einen passenderen Ort bringen konnte. Selma sah ein bärtiges, freundlich grinsendes Gesicht, das zu einem kräftig gebauten etwa 40-jährigen Mann in einem verwaschenen Jeanshemd gehörte. Winkend und mit einem kräftigen, tiefen Hupen verabschiedeten sich Fahrer und Truck aus der engen Wohnstraße, nicht ohne eine Wolke aus Auspuffgasen und leise klirrende Fensterscheiben zu hinterlassen.

  »Toller Auftritt. So eine Show bekommen meine Nachbarn nicht jeden Tag geboten.» Selma musste grinsen, als sie die neugierigen Blicke aus den Fenstern der umliegenden Häuser und das hastige Zuziehen von Gardinen bemerkte.

  Sie pflückte das Erdbeerkörbchen vom Dach ihres Minis, auf dem es David platziert hatte, nahm seine Hand, zog in in ihre Wohnung und war einfach nur glücklich.

»Selma, du weinst ja», zärtlich küsste David eine Träne weg, die gerade aus Selmas Augen kullerte.

  »Das passiert mir immer, wenn ich besonders glücklich bin. Daran wirst du dich noch gewöhnen müssen!»

  »Es gibt nichts, an das ich mich lieber gewöhnen würde», erklärte David mit rauer Stimme, während sein schuldbewusster Blick einem strahlenden Lächeln wich.

  Seit fast zwei Stunden saßen sie nun bereits auf Selmas gemütlichem Sofa, die Hände eng umschlungen, während sie sich all die Schrecken der vergangenen Tage von der Seele redeten.

  Selma erzählte David von jenem schrecklichen Montag, an dem er plötzlich untergetaucht war. Vom Verschwinden des Bildes von Großmutter Astrid und ihrem Besuch in Isabells Wohnung. Sie verriet ihm mit belegter Stimme, dass Astrid jetzt in einer Londoner Galerie auf einen wohlhabenden Käufer wartete und davon, dass ihr all das ab dem Zeitpunkt völlig unbedeutet erschienen war, an dem ihr Isabell voller Schuldgefühle von ihrem verunglückten Treffen mit David erzählt hatte. Sie sagte ihm, wie leid es ihr tat, dass Lizzy in seinem Leben herumgeschnüffelt hatte und dass sie niemals sein Vertrauen missbrauchen wollte. Mit vor Scham roten Wangen erzählte sie ihm schließlich von ihrem skurrilen Erlebnis mit seinem Fast-Namensvetter, das David ziemlich zu amüsieren schien.

  Als David ihr anschließend alle Details des Verrats von Christine berichtete, verstand Selma. Sie konnte nachvollziehen, dass in diesem Moment alte, noch nicht richtig verheilte Wunden erneut aufgebrochen waren und er völlig kopflos reagiert hatte. David erzählte ihr sogar vom Verlust Willies. Davon, dass es sich für ihn fast so anfühlte, als hätte er ein Familienmitglied verloren. Dass er den kleinen Kerl schrecklich vermisste und sich oft sorgte, ob Christine auch gut für ihn sorgte. Er verriet ihr sogar, dass man trockene Mopsnasen hin und wieder mit Vaseline einreiben muss, damit sie sich wohlfühlen, was Selma so rührend fand, dass sie fast wieder zu weinen begonnen hätte.

  Isabells gedankenlose Bemerkung hatte tatsächlich so etwas wie eine Gefühlslawine in David ausgelöst und einen Fluchtreflex, den unbedingten und starken Wunsch, möglichst viele Kilometer zwischen sich und all diesen Gefühlsverwirrungen zu bringen. Sein Fernfahrerkumpel Mick war gerade dabei, mit dem Truck zu einer neuen Tour nach Spanien aufzubrechen. Er stellte keine großen Fragen, als David ihn fragte, ob er ihn begleiten dürfe. Und da Männer nun mal keine großen Redner sind, wenn es um Gefühlsdinge geht, hatten die beiden schon fast die französisch-spanische Grenze erreicht, bis sich Mick die Geschichte zwischen Selma und David so einigermaßen zusammenreimen konnte.

  »Ich weiß ja nicht, wo jetzt wirklich das Problem liegt», erklärt er seinem Freund, der gerade den Brummi durch den dichten Feierabendverkehr steuerte, »aber wenn ich das richtig verstehe, dann war die Schnüffelei erstens nicht ihre Idee und zweitens hat sie sich ja offenbar in dich verknallt. Ich meine wirklich in dich und nicht in deine Kohle. Das hört sich für mich so an, als wäre deine Selma schwer in Ordnung. »

  Nach weiteren hundert Kilometern, in denen in der Fahrerkabine abgesehen von ein paar rüden Bemerkungen über den halsbrecherischen Fahrstil der Südfranzosen Stille herrschte, bekam David zum ersten Mal seit seinem überstürzten Aufbruch wieder so etwas wie einen klaren Kopf. Als er erkannte, dass sein Kumpel die Dinge ziemlich genau auf den Punkt gebracht hatte, überließ er Mick das Steuer, um in Ruhe nachdenken zu können. Wie immer übte das leise Brummen des 450 PS starken Motors eine beruhigende, fast meditative Wirkung auf ihn aus. Sie half ihm dabei, zu erkennen, dass er es trotz der langen Zeit, die seit der Trennung von Christine vergangen war, nicht geschafft hatte, wirklich mit ihr abzuschließen. Dass die mit Christine verbundene Wut und Beschämung nach wie vor ihn ihm brodelten und ihre giftige Wirkung entfalteten. Und er erkannte, dass er, wenn auch ungewollt, dazu beigetragen hatte, dass ihre Beziehung so hässlich endete.

  David hatte Christine bei der Hochzeit seines Cousins kennengelernt. Während der Hochzeitsparty im Innenhof eines kleinen, romantischen Schlösschens, in dem sich das Brautpaar das Ja-Wort gegeben hatte, flirtete sie hemmungslos mit ihm. Was David durchaus schmeichelte, denn Christine war zweifellos die attraktivste Frau unter den zahlreichen Gästen, die ausgelassen bis in die Morgenstunden feierten. Nicht nur ihre Erscheinung, auch ihr Wesen war aufregend. Christine war immer offen für Neues, oft völlig undurchschaubar in ihren Reaktionen, wortgewandt und schlagfertig. Mit diesem schillernden Wesen zu streiten, war eine Herausforderung und ebenso herausfordernd war es, Grenzen zu setzen. Denn Christine wusste immer, was sie wollte und hatte oft keinerlei Skrupel, um es in ihre Finger zu bekommen. Immer wieder gab es Auseinandersetzungen, meist nur kleine Scharmützel, mitunter aber auch richtig heftigen Streit, denn in vielen Dingen hatten sie völlig unterschiedliche Auffassungen. Meist lösten sich diese Auseinandersetzungen in leidenschaftlichem Sex auf. Ihr Zusammensein war ein aufregendes Wechselbad der Gefühle, was einer der Gründe dafür war, dass David nie über einen gemeinsamen Haushalt nachdachte. Er brauchte die Atempausen, die ihm der Rückzug in seine eigene Wohnung gewährte.

  Dass er schließlich doch in Christines Wohnung zog, war einem gemeinsamen Skiurlaub in den französischen Alpen und einem unglücklichen Zufall zu verdanken. David wollte eine besonders schwierige Abfahrt wagen und bat Christine, die ganz ordentlich, aber nicht so gut wie er skilaufen konnte, auf eine leichtere Variante auszuweichen. Was Christine ignorierte und dazu führte, dass sie auf der für sie zu schwierigen Piste schon nach wenigen Metern zu Sturz kam und sich das Sprunggelenk brach. David fühlte sich deswegen schuldig, schließlich wusste er, wie dickköpfig Christine sein konnte und hätte ihre Reaktion daher erahnen können. Und dieses schlechte Gewissen ließ ihn dann auch ohne nachzudenken Ja sagen, als Christine ihn bat, vorübergehend in ihre Wohnung zu ziehen, um ihr im Alltag zur Seite zu stehen, während sie sich von ihrer Verletzung erholte.

  Das Zusammenleben erwies sich als weit unkomplizierter, als David befürchtet hatte. Christine hatte ihre Streitlust gut im Griff. Offenbar hatte sie gespürt, dass sie den Bogen bereits etwas überspannt hatte und dass David ihr zu entgleiten drohte. Sie bemühte sich mit allen Kräften um Harmonie und so wurde aus dem vorübergehenden allmählich ein dauerhaftes Zusammenleben. Christine wollte aber noch mehr. Sie wollte etwas, das David ihr nicht geben konnte: die Beteuerung, sie zu lieben. Doch Christine hatte es nicht geschafft, Davids Gefühle wirklich zu erobern und als ihr das allmählich bewusst wurde, machte sich ihre Streitlust zunehmend wieder bemerkbar und nagende Eifersucht breitete sich in ihr aus. Die Überzeugung, dass ihr eine andere Frau Davids Liebe streitig machte, wurde umso größer, je stärker das Gefühl zurückkehrte, dass ihr David allmählich entglitt.

  Während David im gemütlichen Fahrerhaus des Trucks über diese letzte Phase ihrer Beziehung nachdachte, wurde ihm klar, dass er schon viel früher die Notbremse hätte ziehen müssen. Christine hatte darunter gelitten, sich wahrscheinlich auch gedemütigt gefühlt und schließlich Rachegelüste entwickelt, weil er mit ihr zusammen war, ohne wirklich tiefe Gefühle für sie zu empfinden.

  Dass er weder in sie noch in eine der anderen Frauen, die es vor ihr gegeben hatte, richtig verliebt war, wusste er erst, seit Selma in sein Leben getreten war. Natürlich war er als Teenager öfter verknallt gewesen, wie das eben so war bei Jugendlichen. Einmal sogar so heftig, dass er deswegen fast durch das Abi gerasselt war. Doch als er älter wurde, hatten intensive Liebesgefühle in seinem Leben keine Rolle mehr gespielt.

  Als er mit einem etwas mulmigen Gefühl in diese Yogastunde spazierte, auf die er eigentlich nicht die geringste Lust hatte, erlebte er daher etwas, mit dem er überhaupt nicht gerechnet hatte. Schon auf den ersten Blick hatte ihn dieses bezaubernde Wesen mit dem weizenblonden Haar und der süßen Stupsnase, das da etwas verloren in der letzten Reihe auf seiner Yogamatte saß, gefangen genommen. Und als die Stunde vorbei war, dankte er Joe und seiner absurden Pokerwette von Herzen. Denn noch nie in seinem Leben hatte er sich mit jeder Faser seines Körpers so sehr zu einer Frau hingezogen gefühlt wie zu Selma. Vom ersten Moment an, als er sie sah, wünschte er nichts mehr, als ihr nahe zu sein. Er genoss jede einzelne Sekunde, in der er sie neben sich wusste. Es fühlte sich an, als wäre ein Zauberband zwischen ihnen geknüpft worden und spürte eine unerklärliche tiefe Vertrautheit. Und natürlich war da auch Begehren. Der Drang Selma zu berühren, war so stark, dass er das Gefühl hatte, als würden zwischen ihren beiden Körpern Funken sprühen. In der leicht nach Räucherstäbchen duftenden Luft lag plötzlich ein Knistern und als er zum ersten Mal tief in Selmas Augen sah, beschleunigte sich sein Puls, so als hätte er beim Joggen gerade einen Sprint hingelegt.

  Was zum Teufel passierte hier bloß! Wie konnte er so hin und weg sein von einer Frau, mit der er gerade einmal drei Worte gewechselt hatte? Mit derartig überwältigenden Gefühlen umzugehen, fiel ihm schwer. Doch er ließ es zu, er konnte gar nicht anders und genoss das warme Glücksgefühl, das durch seinen Körper flutete, wann immer er in den kommenden Tagen an Selma dachte. Und er dachte oft an sie. So oft, dass seine Arbeit darunter litt und es zum Beispiel passieren konnte, dass er in einer Besprechung plötzlich den Faden verlor, weil er sich gerade daran erinnerte, wie wundervoll weich sich Selmas Haut anfühlte.

  Während Mick den Truck umsichtig durch die Abenddämmerung steuerte, ließ er endlich das schmerzhafte Gefühl von Verlust und Trauer zu, das ihn seit seinem hastigen Aufbruch quälte. Warum nur, fragte er sich, hatte er so überreagiert, warum hatte er alles kaputt gemacht? Warum hatte er zugelassen, dass sich die hässlichen Gefühle aus seiner Beziehung mit Christine, die er noch immer mit sich herumschleppte, zwischen etwas so Wunderbares wie seine Liebe zu Selma drängen konnten?

  Jetzt endlich war er bereit, diesen Ballast endgültig loszulassen, weil das die einzige Chance war, um wieder glücklich zu werden. Denn dieser Ballast, und das wurde David mit erschreckender Deutlichkeit klar, verhinderte auch, dass er wirklich in eine neue Beziehung eintauchen konnte. Denn so sehr er Selma auch liebte, so war doch Christine auf eine ungesunde Weise noch immer präsent gewesen – wie trübe Schleierwolken, die der Sonne ihre Kraft nehmen.

  Vor allem aber wollte er jetzt eines: Selma so bald es nur ging, wiedersehen, ihr erklären, dass er ein Idiot war und sie um Verzeihung bitten!

  Also jagten er und Mick den Truck so schnell und sogar noch ein wenig schneller, als die Verkehrsvorschriften es erlaubten, zu ihrem Zielort in Almeria. Nach dem durch ein üppiges Trinkgeld deutlich beschleunigten Beladen des Hängers brausten sie mit 24 Tonnen Erdbeeren im Gepäck in Rekordgeschwindigkeit in Richtung Heimat zurück. Als eine Reifenpanne kurz nach der französischen Grenze die rasante Heimfahrt abrupt stoppte, verbrauchte David innerhalb von zwei Minuten sein gesamtes und ziemlich umfangreiches Reservoir an Flüchen. Doch Micks Vorschlag, sich vom nächstgelegenen Bahnhof aus auf die Heimreise zu machen, wollte er nicht annehmen. Schließlich lässt man einen Kumpel, der noch nicht mal Französisch spricht, nicht einfach mit einem defekten Reifen auf dem Pannenstreifen einer stark befahrenen Autobahn stehen.

  Während der quälend langsamen Reparatur griff David immer wieder zu seinem Handy, um Selma anzurufen, aber jedes Mal verlor er den Mut, bevor er ihre Nummer wählen konnte. Wie sollte er das, was er ihr zu sagen hatte, per Telefon erklären? Und vor allem hatte er Angst davor, dass Selma einfach auflegen könnte.

Als David Selma alles gebeichtet hatte, sah er keine Vorwürfe und keine Zweifel in ihren Augen. Alles, was er sah, waren bedingungslose Liebe und ein Strahlen, wie es nur Freude und Glück erzeugen können.

  »Und du findest also, dass ich dir jetzt verzeihen soll, mmh? Naja, ich denke drüber nach. Immerhin hast mir ja ein paar zermatschte Erdbeeren mitgebracht. Da kann eine Frau schon schwach werden», fuhr sie fort, bevor sie David mit großer Zärtlichkeit einen Kuss gab.

  Natürlich verzieh sie ihm, denn erstens war da viel mehr als nur Verliebtheit im Spiel, wie Selma während ihrer unfreiwilligen Trennung schmerzvoll bewusst worden war. Und zweitens hatte sie Davids Leben, wenn auch ungewollt, ziemlich durcheinandergewirbelt. Doch sie hatte das Gefühl, dass all der Aufruhr David auch geholfen hatten, mit einer Beziehung abzuschließen, die ihn offenbar mehr belastet hatte, als ihm selbst bewusst gewesen war. Um das Kapitel Christine endgültig abzuschließen, musste aber noch etwas geschehen, wie Selma plötzlich erkannte: Willie musste zu seinem Herrchen zurückkehren und sie hatte auch schon eine Idee, wie sie dieses nicht gerade einfache Vorhaben schaffen könnte.

KAPTITEL 12

David musste für ein paar Tage geschäftlich verreisen und so sehr sich Selma auch nach seiner Gegenwart sehnte, so war sie doch auch froh, Zeit für ihr Projekt „rettet Willie!“ zu haben. Ein Projekt, bei dem ihr eine nach wie vor von Schuldgefühlen geplagte Lizzy und ihre nicht minder zerknirschte Schwester nur zu gerne zur Seite standen.

  Der Plan sah vor, den kleinen Mops aus Christines Fängen zu befreien und ihn zu dem Menschen zurückzubringen, der Willie wirklich von Herzen gern hatte – zu David. Kein leichtes Unterfangen, denn Christine hatte zwar nicht mehr viel Interesse an ihrem Hund, seit dieser nicht mehr als niedlicher Welpe von ihren Freunden bewundert wurde. Doch Willie hatte in ganz anderer Hinsicht einen enormen Wert für sie: Er war so etwas wie ein Faustpfand. Wenn sie dafür sorgte, dass David Willie nur dann wiedersehen konnte, wenn er ihr endlich ihren Fauxpas mit dem Privatdetektiv verzieh, dann bestand aus ihrer Sicht vielleicht doch noch Hoffnung auf eine Versöhnung. Die tiefe Kluft, die ihr Verhalten zwischen ihr und David aufgerissen hatte, wollte oder konnte sie einfach nicht sehen.

  Willie war für sie aber nicht nur ein Druckmittel, er war auch ein perfektes Mittel zur Bestrafung: Wenn sie David nicht haben konnte, dann musste er eben dafür bezahlen! Dass sie dafür mit einem Hund leben musste, der sie nicht mehr interessierte und dessen Versorgung ihr zunehmend auf die Nerven ging, war in ihren Augen ein geringer Preis. Ebenso die Tatsache, dass Willie seit der Trennung von David im wahrsten Sinn des Wortes ein Hundeleben führte. Immer öfter lag der früher so lebhafte kleine Kerl einfach apathisch auf seiner Hundedecke. Die kurzen Gassirunden mit Christine brachten keine Freude in sein Leben. Und während er mit David oft während des Tages gemeinsam unterwegs war, verbrachte er jetzt viele einsame Stunden in der Wohnung von Christine, die oft erst spät vom Büro nach Hause kam.

  Er fraß zu viel und je größer der Speckkragen um seinen Hals und sein Bäuchlein wurden, desto lethargischer und matter fühlte sich Willie. Doch Christine schien seinen Kummerspeck und seine Traurigkeit nicht zu sehen oder falls doch, fand sie vielleicht sogar eine Befriedigung in der Tatsache, dass David seinen kleinen, einst so lebhaften Kumpel nicht mehr wiedererkannt hätte.

  All das wusste Selma nicht und hätte sie es gewusst, wäre sie nur umso fester entschlossen gewesen, etwas für den kleinen Mops zu tun. Doch angesichts dessen, was ihr David erzählt hatte, ahnte sie, dass sie sozusagen an Christines niedrige Instinkte appellieren musste, um Willie zu retten. Der Plan, den sie ausheckte, war zwar mehr als unsicher, doch mit etwas Glück konnte er funktionieren. Schließlich hatte sie mit Isabell und Lizzy zwei treue Helferinnen an ihrer Seite.

  Vor allem Lizzy fühlte sich ganz in ihrem Element, als Selma sie bat, möglichst viel über den Tagesablauf von Christine herauszufinden, die in einer schicken Agentur im Stadtzentrum als Werbetexterin arbeitete. Dass Christine sich offenbar jeden Morgen vor Arbeitsantritt einen Coffee to go kaufte, wie Lizzy unauffällig recherchierte, erleichterte ihr Vorhaben. Und so konnte die Aktion „rettet Willie!“ bereits am übernächsten Morgen planmäßig anlaufen. Lizzy und Isabell reihten sich direkt hinter Christine in die Schlange derjenigen ein, die sich vor Arbeitsantritt ihre tägliche Koffeindosis besorgten. Die Schlange vor der Theke des Coffeeshops war an diesem Morgen besonders lang, was das Vorhaben des Rettungskomitees vereinfachte.

  Der Dialog, der sich nur zwischen Isabell und Lizzy entspannte, war das Ergebnis einer langen abendlichen Sitzung in Selmas Wohnung, bei der die Drei, inspiriert durch den Inhalt von zwei Flaschen Chardonnay, jedes Wort genau abgewogen hatten.

  »Hast du schon das Neueste von Selma gehört?», tönte Lizzy, die dank ihrer klangvollen, kräftigen Stimme den Hauptpart übernahm. »Sie ist jetzt mit David Straten zusammen.»

  »David Straten, David Straten …, woher kenne ich Namen bloß?», antwortete Isabell in einer Stimmlage, die etwas lauter war als ihre übliche Tonlage.

  »Seiner Familie gehört das große Speditionsunternehmen. Du hast den Namen Straten sicher schon auf einem LKW gelesen», fuhr Lizzy fort. Erfreut registrierte sie, dass Christines Finger aufgehört hatten, auf den Tasten ihres Blackberrys herumzutippen. Ihr Körper signalisierte gespannte Erwartung. Wäre sie eine Katze gewesen, hätte sie wohl in diesem Moment ihre Ohren automatisch in Richtung des überaus interessanten Gesprächs ausgerichtet, das sich hinter ihrem Rücken entspann.

  »Ja genau, Straten. Daher kenne ich den Namen! Und sie und David Straten sind jetzt ein Paar?«, gelang es Isabell ganz nach Drehbuch noch zwei weitere Male einen Namen ins Spiel zu bringen, den Christine bestimmt nicht überhören würde.

  »Ja! Sie haben sich beide Hals über Kopf ineinander verliebt. Selma hat es mir selbst erzählt. Sie ist so happy; so habe ich sie überhaupt noch nie erlebt!»

  Jetzt hatten sie zweifellos Christines ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie war so auf das Gespräch, das sich hinter ihr abspielte, konzentriert, dass sie das mittlerweile etwas schnellere Vorrücken der Warteschlange mit deutlicher Verspätung registrierte.

  Doch Lizzy und Isabell erkannten, dass ihnen nicht mehr viel Zeit blieb und gingen daher zur beschleunigten Version ihres „rettet Willie!“-Drehbuchs über.

  »David hat sie sogar schon gefragt, ob sie bei ihm einziehen möchte», fuhr Lizzy mit wohlartikulierter Stimme fort. »Ich denke, das wird sie auch tun. Sie muss ja aus ihrer Wohnung raus?»

  »Warum denn das? Sie hat sich dort doch so wohlgefühlt!», Isabells gespieltes Erstaunen hätte wohl nicht für eine Schauspielkarriere gereicht, aber sie hoffte, dass ihre Vorstellung Christine überzeugte, die offenbar noch immer mit geballter Aufmerksamkeit zuhörte.

  »Sie hat doch diese schreckliche Hundehaar-Allergie. Und ihre Mitbewohnerin hat jetzt einen Hund, einen Collie, ganz süß. Sie musste ihn einfach nehmen, weil ihre Mutter so schwer erkrankt ist und sie sich momentan nicht um ihn kümmern kann. Und es sieht gar nicht gut aus, wahrscheinlich wird sie den Hund auf Dauer nehmen müssen. Aber für Selma ist das ganz schlimm. Du weißt ja, wie sie auf Hunde reagiert. Wenn ständig einer in ihrer Nähe ist, bekommt sie Asthmaanfälle. Zum Glück kann sie jetzt bei David einziehen.»

  Das war knapp gewesen. Kaum hatte Lizzy ihre Geschichte über Selmas angebliche Allergie beendet, rückte Christine zur Theke vor, um sich ihren üblichen Latte Macciatto zu bestellen. Sie wirkte unkonzentriert und vergaß sogar ihr Wechselgeld, was Isabell und Lizzy als gutes Zeichen werteten. Die Charade war offenbar gut über die Bühne gegangen. Jetzt konnten sie nur noch hoffen und beten, dass die Saat, die sie gesät hatten, auf fruchtbaren Boden fallen möge.

KAPTITEL 13

Auch David hatte so etwas wie eine Rettungsmission gestartet, deren Ausgang im Moment allerdings genauso ungewiss erschien, wie Selmas Versuch, Willie zu ihm zurückzubringen.

  Er hatte den Schmerz in ihren Augen gesehen, als sie ihm davon erzählt hatte, dass das Porträt ihrer Großmutter Astrid wohl für immer aus ihrem Leben verschwunden war. David wollte das Bild für Selma zurückholen. Isabell, die ihm hoch und heilig versprochen hatte, Selma nichts von Davids Vorhaben zu verraten, hatte ihm die Adresse der Londoner Galerie genannt, die das Bild gekauft hatte. David hatte sich auf der Fahrt vom Flughafen Heathrow in die Londoner Innenstadt schon auf ein Wiedersehen mit Astrid gefreut. Doch sein Besuch in der schicken Galerie in einem der lichtdurchfluteten Arkadenlokale der Old Bond Street entpuppte sich als vergeblich.

  Das Werk, so teilte ihm ein grauhaariger, distinguiert wirkender Herr um die 50 mit, sei leider nicht mehr im Besitz der Galerie. Eine in Südengland lebende Sammlerin habe das Bild gekauft und nein, er bedaure das zwar außerordentlich, aber den Namen der Käuferin könne er auf gar keinen Fall nennen.

  David war maßlos enttäuscht. Doch einfach aufzugeben, lag nicht in seiner Natur. Nach einem Blick in die freundlichen braunen Augen seines Gegenübers, der am Revers seines gut geschnittenen grauen Anzugs ein Namensschild trug, das ihn als Malcolm Clarke, General Manager auswies, tat er etwas, was er noch niemals zuvor getan hatte: Er offenbarte sehr private Dinge vor einem Mann, den er überhaupt nicht kannte. In makellosem Englisch, das er sich während seines Jobs in London angeeignet hatte, erzählte er Mr. Clarke von der Geschichte des Bildes, von seinem Notverkauf und davon, wie sehr seine künftige Frau es vermisse. Den Ausdruck künftige Frau wählte er, um seinem Anliegen mehr Seriosität und Dringlichkeit zu geben. Doch er spürte, dass er sich ganz und gar nicht fremd, sondern genau richtig anfühlte und seinem Versuch, Mr. Clarke die Adresse der Verkäuferin zu entlocken, frischen Elan verlieh.

  »Ich verstehe Ihr großes Interesse an dem Bild, Sir, aber leider widerspricht es absolut unserer Firmenpolitik, persönliche Daten unserer Käufer weiterzugeben. Schon aus Sicherheitsgründen. Ich hoffe, sie verstehen das.»

  »Aber ich kann vielleicht etwas für Sie tun», fuhr Clarke fort. »Ich kenne die Käuferin persönlich und kann versuchen, sie telefonisch zu erreichen. Vielleicht ist sie ja bereit, sich mit Ihnen zu unterhalten.»

  Nach mehreren Minuten, die David wie eine Ewigkeit vorkamen, kehrte Clarke mit einem Lächeln auf den Lippen zurück.

  »Ich habe Mrs. Cheltenworth erreicht, und sie ist einverstanden, mit Ihnen zu sprechen. Ob sie einem Verkauf des Bildes zustimmen wird, kann ich leider nicht sagen. Ich befürchte allerdings, dass das eher nicht der Fall sein wird. Aber sie können Ihr Glück versuchen, das heißt, wenn Sie bereit sind, noch ein paar Meilen zu fahren.»

  Die paar Meilen, von denen Malcolm Clarke gesprochen hatte, entpuppten sich als eine fünfhundert Kilometer lange Fahrt nach Penzance im südlichsten Zipfel von Südwestengland. Hier lebte Mrs. Cheltenworth und hier befand sich mittlerweile offenbar auch das Porträt von Selmas Großmutter Astrid.

  Mehr als sechs Stunden später erreichte David das Städtchen, dessen englisch-mediterranen Charme ihn unter normalen Umständen vermutlich in gute Laune versetzt hätten. Doch jetzt war er einfach nicht in der Stimmung, um seine Umgebung richtig wahrzunehmen. Der in aller Eile in London besorgte Mietwagen hatte sich als schlecht gewartetes Gefährt erwiesen, dessen Getriebe immer wieder besorgniserregende Klopfgeräusche von sich gab. Auch die erhöhte Konzentration durch den Linksverkehr forderte ihren Tribut. Und so war er heilfroh, dass sein Termin mit Mrs. Cheltenworth erst am kommenden Tag geplant war und checkte in das nächstbeste Hotel ein: einem massiven Bau nahe der Altstadt, der auf den ersten Blick nicht sehr einladend wirkte, sich aber als außerordentlich gemütlich entpuppte und wo man zu Davids Erstaunen sogar ein genießbares Abendessen servierte.

»Ach, Sie wollen bestimmt nach Cheltenworth Manor!« Mildred, die nicht nur die Besitzerin des Hotels war, sondern sich auch um das Frühstück ihrer Gäste kümmerte, blickte David skeptisch an.

  »Das Haus ist wunderschön und der Park natürlich auch. Es ist nicht weit von hier, und ich erkläre Ihnen gerne, wie Sie hinkommen, aber ich fürchte, es ist nicht zu besichtigen», erklärte sie ihrem Gast, während sie ihm eine weitere Tasse ihres kräftigen, aromatisch duftenden Early Morning Teas eingoss.

  »Das ist kein Problem. Ich möchte es mir nur von außen ansehen», versicherte David, der keinesfalls Details seines geplanten Besuches preisgeben wollte.

  Cheltenworth Manor – das allein klang schon beeindruckend. Doch erst als David mit seinem VW Golf, dessen Getriebe noch immer beängstigend rumorte, durch das große schmiedeeiserne Portal rollte, erkannte er, wie beeindruckend das Ganze tatsächlich war. Das dreiflügelige Herrenhaus aus dem frühen 18. Jahrhundert musste unzählige Zimmer beherbergen und besaß zudem einen modernen Anbau, der sich harmonisch in das historische Ensemble einfügte. Der Park wirkte überaus gepflegt, aber nicht steril. Man sah, dass hier jemand das Sagen hatte, der kreativ war und der den Zauber der Natur zu schätzen wusste. Alles in allem zeigte das Anwesen, dass hier ein Mensch lebte, der nicht nur über einen guten Geschmack, sondern auch über mehr als genug Geld verfügte. Davids Hoffnung, die neue Besitzerin des Gemäldes durch einen Preisaufschlag zum Weiterverkauf animieren zu können, verflüchtigte sich angesichts dieses Eindrucks von Wohlhabenheit. Doch nun war er schon mal hier und würde einfach sein Glück versuchen.

  Als er, wie mit Mrs. Cheltenworth vereinbart, am Portal des Anbaus klingelte, öffnete ihm eine schlanke in helle Jeans und eine weiße Bluse gekleidete Dame. Ihr Kleidungsstil wirkte zeitlos. David fiel es schwer, ihr Alter zu schätzen. Doch die vielen kleinen Lachfältchen in ihrem Gesicht und das zu einem Dutt hochgesteckte, gepflegte weiße Haar zeigten, dass Mrs. Cheltenworth nicht zu jenen Frauen gehörte, die ihr Alter schamhaft verstecken. Ihre blauen Augen blitzten vergnügt, als sie David sah.

  »Sie sind also der hartnäckige junge Mann, der unbedingt mein Bild kaufen will», begrüßte sie ihn und drückte David herzhaft die Hand.

  »Guten Tag, Mrs. Cheltenworth. Ja, ich bin David Straten. Vielen Dank, dass Sie Zeit für mich haben!»

  Nervös reichte er ihr einen Strauß aus weißen und rosa Pfingstrosen. Die Idee, seiner Gastgeberin Blumen mitzubringen, erschien ihm angesichts der üppigen Blumenpracht im Park des Herrenhauses mit einem Mal etwas unpassend.

  Doch Mrs. Cheltenworth schien sich aufrichtig darüber zu freuen. »Vielen Dank. Welch wunderschöne Blumen! Bitte kommen Sie rein und nennen Sie mich doch einfach Sarah. In meinem Alter hat man keine Lust mehr auf Förmlichkeiten.»

  Sie führte David in ein lang gestrecktes, gemütlich eingerichtetes und lichtdurchflutetes Wohnzimmer, dessen hohe Glasfront einen atemberaubenden Blick bot. Eine sattgrüne Rasenfläche neigte sich in einem leichten Gefälle in Richtung Meer, auf dem sich die Wellen sanft im Sonnenlicht kräuselten. David musste an sein Haus am See denken und fühlte sich fast wie zu Hause. Der Zauber dieses wunderbaren Ortes nahm ihn richtiggehend gefangen, bis ihn seine Gastgeberin wieder in das Hier und Jetzt zurückholte.

  »Mein Mann George und ich wollten auf unsere alten Tage nicht mehr länger in dem alten, klammen Gemäuer sitzen», erklärte Sarah, die mittlerweile Davids Blumen in einer edlen, mattweißen Vase auf einem der Wohnzimmertische platziert hatte.

  »Also haben wir das Haupthaus Georges Neffen Richard und seinr Frau Catherine überlassen, nachdem mein Mann den Anbau errichten ließ. Leider ist er vor ein paar Jahren gestorben und konnte das Ganze nur mehr kurze Zeit genießen. Aber er hat sich hier sehr wohl gefühlt.» Sarahs Blick wirkte plötzlich traurig. Bevor David eine mitfühlende Bemerkung machen konnte, bot sie ihm Kaffee an, den er gerne annahm.

  Während eine füllige Frau in einer jener altmodischen Hausschürzen, die David nur aus nostalgischen Fernsehsendungen kannte, Kaffee einschenkte, ließ er den Blick über die Nordwand des Zimmers, die das helle Sonnenlicht nicht mehr erreichen konnte, wandern. Tatsächlich, da hing es: Astrids Porträt. Und es hatte jede Menge Gesellschaft. Fast die gesamte Wand wurde von einer Galerie mit wunderschönen expressionistischen Frauenporträts eingenommen. Eine außergewöhnliche Sammlung, wie selbst David, der kein Kunstexperte war, erkannte.

  »Mein Mann hat die Sammlung zusammengetragen», erklärte Sarah. »Eigentlich sollten die Bilder ja nicht hier hängen, sondern in einem einbruchssicheren Raum ohne Sonnenlicht. Aber George liebte es, wenn er seine Schätze um sich hatte, und nach seinem Tod wollte ich, dass alles so bleibt, wie er es sich gewünscht hatte. Ab und kaufe ich ein Bild, wenn Mr. Clarke etwas anzubieten hat, von dem ich weiß, dass es George gefallen hätte. Ich habe nicht seine Sammlerlust, es geschieht mehr aus Sentimentalität. Aber erzählen Sie! Warum haben Sie die weite Reise gemacht, nur um dieses Bild in die Finger zu bekommen? Sie wirken eigentlich nicht wie jemand, der seine Tage damit verbringt, alten Gemälden hinterherzujagen.»

  Wie schon in Mr. Clarkes Galerie in der Old Bond Street erzählte David seine Geschichte. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit vertraute er einem Menschen, der ihm fremd war sehr private Dinge an. Eigentlich erstaunlich, dass er sein Herz ausgerechnet den eher reservierten Briten öffnete. Aus der Zeit, die er beruflich in London verbracht hatte, konnte sich David an keinen ähnlichen spontanen Vertrauensbonus erinnern. Im Gegenteil: Mit Londonern in ein echtes Gespräch zu kommen, das über oberflächlichen Small Talk hinausging, war ihm oft ausgesprochen schwergefallen.

  Warum war es hier so ganz anders? Warum traf er plötzlich Menschen wie Mr. Clark oder Sarah, die es ihm leicht machten, sich zu öffnen? David wusste es nicht. Vielleicht lag eine Art Magie über Astrids Bild. Vielleicht übte ihr herzlicher, offener Blick ja einen Zauber auf die Betrachter ihres Porträts aus.

  Während David erzählte, unterbrach ihn Sarah kein einziges Mal. Aufmerksam hörte sie zu, bis David seine Geschichte beendet hatte.

  Dann bat sie ihn, ein Foto Selmas sehen zu können. David wählte aus den Aufnahmen, die er mit seinem Smartphone von Selma am Lüritzer See gemacht hatte, ein Foto aus, auf der die große Ähnlichkeit zwischen Astrid und ihrer Enkelin besonders gut zur Geltung kam. Im Nachmittagslicht des Frühlingstages sah Selma einfach wunderschön aus. Wie auf dem Bild Astrids schienen das helle Licht und pure Lebenslust ihre Augen zum Strahlen zu bringen. Die Sonne zauberte goldene Reflexe in ihr Haar, wie sie auch der Maler beim Porträtieren ihrer Großmutter meisterhaft eingefangen hatte.

  »Unglaublich, wie ähnlich sie sich sehen!» Sarahs Blick wechselte immer wieder zwischen Selmas Aufnahme und dem Frauenporträt an ihrer Wohnzimmerwand.

  »Ich kann verstehen, dass Sie das Porträt unbedingt für Ihre Liebste zurückholen möchten. Das war für sie bestimmt ein schmerzlicher Verlust.»

  Angesichts dieser verständnisvollen Reaktion entspannte sich David und schöpfte erstmals wieder Hoffnung, sich mit Sarah auf einen Verkauf des Bildes einigen zu können.

  »Wie gesagt, ich kann es wirklich gut verstehen», fuhr Sarah fort, »lassen Sie mich über die ganze Sache nachdenken, und wenn es Ihnen passt, dann treffen wir uns heute am Nachmittag noch einmal. Sagen wir so gegen 14:00 Uhr?»

  David hatte sein Bestes getan. Jetzt konnte er nur noch abwarten und hoffen, dass Astrids Zauberblick Sarah dazu bringen würde, ihm einen bezahlbaren Kaufpreis zu nennen. Denn David musste realistisch bleiben: Seine Kapitalreserven waren nach dem Kauf seines Seehauses und den Renovierungsarbeiten empfindlich geschrumpft. Sie reichten aus, um den Marktwert und noch einiges mehr zu bezahlen, doch sollte Sarah einen ausgesprochenen Liebhaberpreis für das Bild verlangen, musste er passen. Als einer der Mitinhaber einer der größten Logistikfirmen im Lande war er zwar theoretisch ein wohlhabender Mann, doch sein Vermögen bestand zu einem großen Teil in Form von Firmenanteilen nur auf dem Papier. Sein Vater hatte nie etwas davon gehalten, seine Söhne mit einem niemals versiegenden Bankkonto auszustatten, was David bis jetzt nicht im Geringsten gestört hatte.

Obwohl der Kauf des Bildes mehr als unsicher war, buchte er vorsorglich einen vertrauenswürdigeren Leihwagen für die Fahrt nach Hause. Denn falls er das Bild wirklich mitnehmen konnte, wollte er das wertvolle Stück weder dem Laderaum eines Flugzeugs noch dem Kofferraum eines launischen VW Golfs überlassen.

Am Nachmittag empfing ihn Sarah auf der Terrasse ihres Hauses. Unter einer Markise, die vor der Sonne schützte, die heute für fast hochsommerliche Temperaturen sorgte, bot sie ihm eine Erfrischung an. David entschied sich für ein malzig-herbes Guinness, das ihm Sarahs guter Geist, Mrs. Poultrey, perfekt gekühlt servierte.

  »Ich habe gründlich über die Sache nachgedacht und mich entschlossen, das Bild nicht zu verkaufen.»

  Das Bier, dessen erster Schluck gerade so wunderbar geschmeckt hatte, hinterließ plötzlich einen schalen Nachgeschmack in Davids Mund. Er fühlte sich angesichts dieses unverblümten Neins wie vor den Kopf gestoßen.

  »Ich werde das Bild nicht verkaufen, aber ich werde es Ihrer Selma schenken!»

  »Sie wollen es verschenken? Das ist doch verrückt! Sorry, das wollte ich jetzt nicht sagen, aber das Bild ist wertvoll. Sie können es doch nicht einfach verschenken», stammelte David, der sich vor seinem neuerlichen Treffen mit Sarah alles Mögliche ausgemalt hatte, doch an diese Variante hätte er nicht nicht einmal im Traum gedacht.

  »Das ist schon in Ordnung», beruhigte ihn Sarah. »Ich kann mir vorstellen, dass sich das tatsächlich etwas verrückt anhört. Aber sehen Sie, Geld bedeutet mir nichts. Ich habe mehr als genug davon. Ich bin alt und werde nicht ewig leben. Und da ich keine Kinder habe, sondern nur einen angeheirateten, nichtsnutzigen Neffen, bringe ich es unter die Leute. Meistens für wohltätige Zwecke. Meinen Neffen bringt das ganz aus dem Häuschen. Er er hat Angst, dass ich sein Erbe verpulvere. Wenn ich seine säuerliche Miene sehe, macht es mir noch mehr Spaß, Geld auszugeben!»

  »Das ist, das wäre … überaus großzügig von Ihnen», rang David mühsam nach den richtigen Worten. »Aber ich würde es Ihnen doch lieber abkaufen, zu einem guten Preis. Verzeihen Sie, wenn ich das so offen sage: Aber ich bin kein Mensch, der alte Damen übervorteilt, und Ihr Neffe würde wohl genau das annehmen.«

  »Ich weiß es zu schätzen, dass Sie so um mein Wohl besorgt sind. Aber ich kann Ihnen versichern, dass ich weder an Demenz noch einer anderen Störung leide. Ich habe über 30 Jahre als Ärztin gearbeitet, Sie können mir also glauben, dass ich noch genügend Sachverstand habe, um zu erkennen, ob ich geistig gesund bin. Und außerdem schenke ich das Bild ja nicht Ihnen, ich schenke es Selma.»

  David wusste aus eigener Erfahrung, dass Briten besonders viel von Exzentrik verstehen. Und exzentrisch war ein derartiger Vorschlag auf jeden Fall. Selbst für jemanden, der offenbar Geld wie Heu hatte und es lieber unter die Leute brachte, als es einem geldgierigen Verwandten zu hinterlassen.

  »Warum möchten Sie ihr das Bild schenken?» Am besten war es wohl, wenn er die Sache ganz direkt anging.

  »Zum einen wegen Ihnen, David. Sie erinnern mich an meinen Mann. Er zeigte eine unglaubliche Leidenschaft, wenn es um Kunstwerke ging. Und Sie zeigen diese Leidenschaft auch, nur geht es bei Ihnen nicht um die Liebe zur Kunst, sondern um die Liebe zu einer Frau. So viel geballte Romantik erlebt man wirklich nicht oft. Und als Frau ist man dafür auch noch in meinem Alter überaus empfänglich», erklärte Sarah mit einem warmen Lächeln.

  »Ein Grund ist wahrscheinlich auch dieses unsichtbare Band zwischen Selma und ihrer Großmutter. Das ist etwas sehr Kostbares. Ich habe keine Enkelkinder, aber falls ich welche hätte, würde ich mir wünschen, dass es etwas gibt, das mich sozusagen über Raum und Zeit mit ihnen verbindet.   Nun, sie sehen ja. Es geht um Romantik gepaart mit Sentimentalität. Aber es gibt noch einen weiteren Grund für mich, den ich Ihnen aber nicht verraten möchte. Er hat mit meiner Familie zu tun. Aber es ist nichts, worüber Sie oder Selma sich den Kopf zerbrechen müssten. Jedenfalls bin ich fest entschlossen und habe es mir wirklich gut überlegt. Daher bitte ich Sie, das Gemälde mitzunehmen. Ich habe von meiner Anwältin die entsprechenden Papiere vorbereiten lassen. Bringen Sie es Selma als ein Geschenk. Wer weiß vielleicht ist es ja sogar so etwas wie ein Hochzeitsgeschenk», erklärte Sarah mit einem verschmitzten Lächeln.

  Doch David war nicht überzeugt: Sollte er Sarahs Vorschlag annehmen? Beziehungsweise sollte er ihn in Selmas Namen annehmen? Denn schlussendlich sollte das doch ihre Entscheidung sein.

KAPTITEL 14

Während David in Richtung Folkstone und Eurotunnel brauste, diesmal mit einem dezent nach Leder duftenden Wagen, dessen leistungsstarker Motor verlässlich brummte, kündigte das leise Surren seines Handys eine eingehende SMS an.

  Ein Blick auf den Absender verriet David, dass Christine ihm eine Nachricht geschickt hatte. Ärger stieg in ihm hoch und sein erster Impuls war, einfach auf die Delete-Taste zu drücken. Doch dann warf er doch einen Blick auf die kurze, reichlich kryptische Nachricht, die seinen Adrenalinpegel abrupt in die Höhe schnellen ließ.

  Du kannst Willie haben! Er sitzt vor deiner Wohnungstür. Rückgabe ausgeschlossen. Das mit der Hundehaar-Allergie deiner neuen Freundin tut mir echt leid. Aber du wirst schon eine Lösung finden. Christine.

  In Davids Kopf dreht sich alles, und er bremste scharf ab, um knapp die Ausfahrt zu einer Raststätte zu erwischen, dem letzten Stop vor dem Eurotunnel.

  Er suchte sich eine ruhige Ecke eines ziemlich gut gefüllten Parkplatzes voller aufregt schnatternder Familien, die hier auf dem Weg in Richtung Festland eine Pause einlegten.

  Was zum Teufel hatte das zu bedeuten? Seit wann hatte Selma eine Allergie auf Hundehaare? Sie hatte ihm gegenüber nie etwas Derartiges erwähnt. Und vor allem: Was hatte Christine mit Willie angestellt? Sie konnte ihn doch nicht einfach vor seiner Wohnungstüre parken und dann alleine lassen. Doch leider war ihr so etwas tatsächlich zuzutrauen. Jemand musste sich um Willie kümmern, und er hoffte, dass dieser jemand Selma sein würde.

  Er hatte Glück. Selma nahm seinen Anruf schon nach dem zweiten Klingeln entgegen. Nachdem er ihr versichert hatte, wie sehr er sie vermisse, kam er gleich zum Kern der Sache.

  »Selma, ich weiß die Frage klingt jetzt etwas seltsam. Aber kann es sein, dass du allergisch auf Hundehaare reagierst?»

  »Ja, ja, ja! Es hat geklappt!»

Der Jubel und die enthusiastische Reaktion Selmas auf seine Frage stürzten David in noch größere Verwirrung.

  »Selma, ist alles in Ordnung bei dir?»

  »Ja, Liebling! Es könnte mir gar nicht besser gehen. Und nein, ich bin nicht allergisch auf Hundehaare, und falls deine Frage etwas mit Willie zu tun hat, dann erkläre ich dir alles später, wenn du wieder zurück bist.»

  »Das ist eine wunderbare Nachricht. In dem Fall habe ich gleich noch eine zweite Frage an dich, die sich vermutlich auch ziemlich seltsam anhört. Ich komme erst gegen Mitternacht zurück und kann mich jetzt nicht selbst darum kümmern. Würdest du bitte bei meiner Wohnung vorbeischauen. Und falls da einen kleinen Mops vor der Tür sitzt, würdest du ihn dann bitte einfach mit zu dir nehmen?»

Nach Davids Anruf plumpste Selma voller Freude fast von ihrem Bürostuhl. Doch dann kamen ihr Bedenken. Ob ihre List tatsächlich geklappt hatte? Vielleicht hatte Christine das Theater ja durchschaut und wollte mit ihrer SMS nur etwas Verwirrung stiften? Aber wie sagt man so schön: „Groll ist ein schlechter Ratgeber“. Und vielleicht war Christines Wunsch, Davids neue Beziehung zu torpedieren, ja wirklich stärker gewesen als jede Vernunft. Nun, das würde sie herausfinden, und zwar so schnell wie möglich. Sie schnappte sich ihre Tasche mit dem Autoschlüssel, hastete aus dem Büro und navigierte ihren Mini ungeduldig durch den stockenden Feierabendverkehr.

  Im Treppenhaus des alten, auf Hochglanz renovierten Bürgerhauses, in dem Davids Appartement lag, war niemand zu sehen. Doch das war nicht ungewöhnlich, denn schließlich wimmelte es hier nicht gerade von Bewohnern, da jede der weitläufigen Wohnungen ein ganzes Stockwerk einnahm. Als sich in der obersten Etage endlich die Tür des Fahrstuhls öffnete, hätte Selma am liebsten einen Jubelschrei ausgestoßen. Doch beim Anblick des armen Fellbündels, das auf dem kalten Bodenbelag aus schickem Carrara-Marmor vor sich hinbibberte, zog sich ihr Herz vor Mitleid zusammen und jegliches Triumphgefühl verflog.

  Christine hatte auch eine Tasche, aus der Hundespielzeug hervorlugte sowie einen mit einer karierten Decke ausgelegten Hundekorb, der verdächtig nach einem Designmöbel für Haustiere aussah, vor Davids Türe platziert. Doch offenbar hatte sie in der Eile, ihre Mission zu erfüllen, Willies Hundeleine so hastig um den Türkauf gewickelt, dass der arme Kerl das Körbchen nicht erreichen konnte.

  Selma sprach beruhigend auf den kleinen Mops ein. Sie näherte sich langsam und vorsichtig, ohne ihm direkt in die Augen zu blicken, um nicht das Gefühl aufkommen zu lassen, sie würde ihn in die Enge treiben. Langsam streckte sie ihre linke Hand aus, die Willie interessiert und gleichzeitig ängstlich beschnupperte. Mit der anderen Hand zückte sie ihr Handy, um David anzurufen. Er war mittlerweile im Eurotunnel-Shuttle, wo es zum Glück Handyempfang gab. Selma brachte ihn auf den neuesten Stand in Sachen Willie, stellte das Handy auf Lautsprecher und bat ihn, seinem vierbeinigen Kumpel ein paar beruhigende Worte zu sagen.

  David wusste zuerst nicht, was er sagen sollte, schließlich hatte er noch nie mit seinem Hund telefoniert. Doch als er das ängstliche Fiepen und Hecheln hörte, deutliche Zeichen, dass Willie unter Stress stand, kamen ihm ohne nachzudenken die richtigen Worte über die Lippen. Und es schien tatsächlich zu helfen. Das Fiepen hörte auf, und Selma begann damit, Willie vorsichtig hinter den Ohren zu kraulen. Nach ein paar Minuten musste David auflegen, um seinen Wagen aus dem Shuttle zu navigieren, das gerade in Calais angekommen war. Doch Willie hatte sich mittlerweile so sehr entspannt, dass er Selma und seinen Habseligkeiten, die diese trug, vertrauensvoll in den Fahrstuhl folgte.

Während David zügig von Calais Richtung Heimat fuhr, stahl sich immer wieder ein breites Grinsen in sein Gesicht. Erst jetzt merkte er so richtig, wie sehr er Willies verknautschtes Mopsgesicht vermisst hatte: sein zu jeder Tageszeit freundliches Wesen, die langen Spaziergänge und das gemütliche gemeinsame Abhängen auf dem Sofa, auf dem sich Willie gerne zu einer Kugel zusammenrollte. Warum Christine ausgerechnet jetzt ihr unnachgiebiges Verhalten aufgegeben hatte, war ihm allerdings ein absolutes Rätsel. Ebenso die kryptische Bemerkung in ihrer SMS über Selma und ihre angebliche Hundehaar-Allergie. Doch all das schob er erst einmal auf die Seite, um sich einfach auf das Nachhausekommen und das Wiedersehen mit Selma und Willie zu freuen.

  Während David der einbrechenden Dämmerung entgegenfuhr, beschnupperte Willie ausführlich Selmas Wohnung. Anschließend verspeiste er mit gutem Appetit den Reis und das gebratene Hühnerfleisch, das sie ihm mangels Hundefutter-Vorrat zubereitet hatte. Jetzt war es fast Mitternacht, und Willie hatte es sich in seinem Hundekörbchen bequem gemacht, wo er leise röchelnd schnarchte. Doch plötzlich wirkte er hellwach und jagte leise fiepend zur Eingangstür. Sein sechster Hundesinn hatte ihm offenbar schon lange, bevor David die Klingel an der Wohnungstüre drücken konnte, verraten, dass ein geliebtes Wesen im Anmarsch war.

  Als Selma die Tür öffnete und David sie fest in die Arme nahm, vergaß Willie seine bislang so exzellenten Hundemanieren. Wie verrückt raste er um Davids Beine herum, während seine schwarzen Kulleraugen jede Bewegung seines schmerzlich vermissten Lieblingsmenschen zu registrieren schienen. Als David sich zu ihm hinunterbeugte, rollte sich sein kleiner, unablässig wedelnder Ringelschwanz aus, ein Zeichen unbändiger Freude, wie David wusste. In Selmas Augen stahlen sich ein paar Freudentränen. Es war so unglaublich schön zu sehen, wie sehr sich David freute und wie sehr ihn das kleine Hundewesen vermisst hatte.

  Als der erste Begrüßungstrubel vorbei war und sie mit einem Glas Rotwein auf die glückliche Fügung der Dinge anstießen, löste Selma endlich das Rätsel rund um Willies unerwartete Rückkehr. Sie war etwas ängstlich gewesen, wie David auf die Charade reagieren würde, die sie mit Lizzy und Isabell ausgeheckt hatte. Schließlich war das Ganze ja so etwas wie arglistige Täuschung, etwas, wofür es womöglich sogar einen juristischen Fachbegriff gab. Doch als Davids Grinsen immer breiter wurde, während sie von dem fast bühnenreifen Auftritt im Coffeeshop erzählte, begann Selma ebenfalls zu kichern.

  David sah die Dinge offenbar so, wie auch sie sie sah: Hätte Willies Wohl Christine wirklich am Herzen gelegen, dann hätte sie ihn nicht als Werkzeug für ihre Rache missbraucht. David wollte sich daher so schnell wie möglich um eine rechtskräftige Besitzübertragung kümmern, bevor der ganze Schwindel womöglich aufflog.

  Selma entspannte sich. Alles war gut gegangen! Doch als David mit rauer Stimme ankündigte, er müsse ihr etwas sagen, zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen. Sie hatte sich so sehr gewünscht, David glücklich zu machen, aber vielleicht war „rettet Willie!“ ja doch etwas gewesen, mit dem sie Grenzen überschritten und sich in Dinge eingemischt hatte, an die sie lieber nicht hätte rühren sollen.

  Doch ein Blick in seine Augen, die sie mit unendlicher Wärme und Zärtlichkeit anblickten, zeigte ihr, dass alles gut war.

  »Ich liebe dich!»

  Diese drei Worte hatte David noch nie über die Lippen gebracht. Er hatte Frauen begehrt, gebraucht oder einfach nur ihre Freundschaft und Gesellschaft genossen. Doch das Gefühl, das er für Selma empfand, war etwas gänzlich Neues, etwas, das über all das weit hinausging. Und so konnte er die drei magischen Worte jetzt zum ersten Mal in seinem Leben aussprechen, weil er wusste, dass sie wahr waren!

KAPTITEL 15

Seit Davids Liebeserklärung hatte Selma das Gefühl, auf einer bauschigen, rosaroten Wolke zu schweben. Diese Wolke trug sie bis ins Büro und sorgte dafür, dass ihr aktuelles Projekt, das in ein paar Tagen fertig sein sollte, nur zäh vorankam. Doch Selma, die üblicherweise außerordentlich pflichtbewusst war, kümmerte sich nicht darum. Immer wieder schloss sie die Augen, um im Geist noch einmal Davids Worte zu hören, während sich in ihrem Körper ein warmes Glücksgefühl ausbreitete.

  Am Wochenende holten David und Willie, der Selma mit einem freundlichen Fiepen begrüßte, zu Hause ab. Als sie am See ankamen, begann es leicht zu nieseln, und der Wind jagte dunkle, regenschwere Wolken über die hügelige Landschaft. Willie kümmerte sich nicht um das wenig einladende Wetter. Er kannte sich hier offenbar bestens aus und sauste wie ein Blitz in den Gemüsegarten, wo er voller Hingabe die Erde aufzubuddeln begann. Endlich verstand Selma, warum der Garten in diesem eigenartigen Zustand war. Sie hatte sich schon über den unprofessionellen Gärtner gewundert, der hier scheinbar plan- und ziellos umgegraben hatte.

  »Lassen wir ihn einfach mal eine Weile buddeln. Sieht so aus, als hätte er es vermisst.« David amüsierte sich über Willie, der mit seinen kleinen Pfoten enthusiastisch schaufelte und Erde durch die Luft fliegen ließ.

  »Gehen wir doch ins Haus», schlug er vor, während er seinen Arm schützend um Selma legte, die im kühlen Wind fröstelte. »Ich habe eine Überraschung für dich.»

  Eine Überraschung? Selma liebte Überraschungen, und während sie ins Haus gingen, geisterten vage Bilder von Blumen und einem leckeren Essen, das David vorbereitet hatte, durch ihren Kopf. Doch als er sie sanft in den Wintergarten bugsierte, war Selma plötzlich sprachlos vor Freude. Das war doch ganz und gar unmöglich! Mit ihrem leicht amüsierten Blick schien Großmutter Astrid sie von ihrem Porträt, das an der Nordwand des Wintergartens hing, direkt anzublicken. In diesem Moment lichtete sich der dunkle Himmel, der einen grauen Schleier über den See gebreitet hatte, und die hervorlugende Sonne ließ Astrids weizenblondes Haar wie ein Feld vollreifer Ähren leuchten.

  »Es ist ein Geschenk für dich, Selma. Aber nicht mein Geschenk, sondern das von Sarah Cheltenworth, und du solltest selbst entscheiden, ob du es annehmen möchtest oder nicht.»

  Während sie sich mit einer warmen Wolldecke auf das Sofa kuschelten, einen glücklichen und vom Graben erschöpften Willie zu ihren Füßen, erzählte David von seinem Besuch in Cornwall und von der wundersamen Fügung, die das Bild zu Selma zurückgebracht hatte.

  Als er mit seinem Bericht fertig war, hatte Selma schon wieder Freudentränen in den Augen. Sie hatte das Bild schrecklich vermisst und es tat so gut, dass es jetzt wieder ein Teil ihres Lebens war. Doch noch mehr freute sie sich über den unglaublichen Liebesbeweis, den ihr David damit gemacht hatte.

  »Ich liebe dich David, ich liebe dich von ganzem Herzen!» Jetzt endlich konnte Selma ihre Gefühle in Worte fassen, denn sie wusste, dass sie vertrauen konnte, dass David ihr Vertrauen verdiente und sie ihn nie wieder loslassen würde!

  Und was das Bild anging: Nun ja, das sollte sie mit der mysteriösen Mrs. Cheltenworth am besten persönlich klären. Auch Exzentrik hatte ihre Grenzen und Selma hatte so eine Ahnung, dass hinter diesem wunderbaren Geschenk noch etwas mehr steckte als der spontane Entschluss eines Menschen, der sich nicht um gesellschaftliche Normen scherte. Sarah Cheltenworth hatte ein Geheimnis und Selma war fest entschlossen, es zu lüften!

EPILOG

Auf Almas Schoß lag ein dicker Band – das „Genealogischen Adelsverzeichnis der Fürstlichen Häuser“, wie Selma beklommen dem Buchrücken entnahm.

  »Ich wusste es von Anfang an. Ich erkenne eine adelige Abstammung! »

  Selma hatte nicht die leiseste Ahnung, wovon ihre Mutter sprach, was allerdings ziemlich häufig vorkam.

  »Die van der Strates – da steht es doch, schwarz auf weiß. Alter niederländischer Adel mit Verbindungen zum britischen Königshaus.»

  Selma sah, dass David zwar etwas mühevoll, aber doch erfolgreich ein Grinsen unterdrückte.

  »Mit ihren Vorfahren prahlen am meisten diejenigen, die ihrer am wenigsten würdig sind – das ist ein Zitat und nicht von mir. Aber ich denke, damit sollte man es am besten bewenden lassen, wenn es um seine Ahnen geht», erklärte David mit ernster Miene.

  »Da gebe ich Ihnen hundertprozentig recht, mein lieber Junge», gurrte Selmas Mutter. »Aber ich würde zu gerne wissen, ob Ihre Familie vielleicht die eine oder andere Verbindung zum britischen Königshaus hat?»

  »Ich fürchte für eine Tee-Einladung bei bei den Royals wird es nicht reichen. Aber ich könnte Ihnen einen waschechten Corgi aus ihrer königlichen Zucht besorgen.»

  »Mit Stammbaum?» Alma war so ergriffen von der Vorstellung, ein königlicher Corgi könnte in ihrem Wohnzimmer sitzen, dass ihre Frage mehr wie ein heiseres Krächzen klang.

  »Ja, mit Brief und Siegel. Einen absolut echter königlicher Corgi.»

  So glücklich hatte Selma ihre Mutter nicht mehr gesehen, seit sie ihr vor vier Jahren von einem Londontrip eine original Prinzessin Diana und Prinz Charles ROYAL WEDDING 1981 TASSE mitgebracht hatte.

  »Bist du wirklich mit den adeligen Strates verwandt?»

  Diese Frage konnte sich Selma nicht verkneifen, nachdem ihre Mutter in die Küche gegangen war, um eine frische Kanne Tee aufzubrühen.

   »Nicht dass ich wüsste, aber nachdem es deine Mutter so glücklich zu machen scheint … Naja, ich hab ja nicht behauptet, dass wir verwandt sind, ich habe es bloß nicht abgestritten.»

  »Ich glaube, das ist die netteste Schwindelei, die sich jemals ein Mensch für meine Mutter ausgedacht hat. Abgesehen von dem Corgi natürlich. Das ist eine wunderbare Idee! Ein Hund könnte ihr wirklich gut tun und sie etwas in die Realität zurückholen. Aber wo sollen wir bloß einen königlichen Corgi hernehmen? Wer weiß, ob die überhaupt noch gezüchtet werden!»

  »Das ist kein Problem. Ein Freund von mir ist Tierarzt, der kennt bestimmt einen guten Züchter.»

  »Fehlt nur noch der königliche Stammbaum.»

  »Auch kein Problem. Schließlich bist du die beste Webdesignerin der Welt. Da müsste so eine kleine Fälschung doch ein Klacks für dich sein», erklärte David mit einem frechen Grinsen, bevor er Selma angesichts der jederzeit zu erwarteten Rückkehr ihrer Mutter einen ungewohnt züchtigen Kuss gab.

Autorin:

Autorenfoto: Christa Haberstett

Bitte beachten Sie!

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und liegen nicht in der Absicht der Autorin.

© Grafik Innenteil: Jörg Brinckheger/ pixelio.de

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